Zwischenmenschlich

Die Unschuld von Charlottenburg

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Neulich stieß ich auf der Wilmersdorfer Straße auf eine Mädelsgruppe, die sich um einen ebenso geschmeichelt wie schüchtern wirkenden jungen Mann gescharrt hatte. Die vier Mädchen hatten lange blonde Haare, kurze Jacken und sehr hohe Absätze. Als ich sie gerade überholen wollte, entließen sie die Beute aus ihrer Mitte, und eine rief ihm hinter her: „Geilen Arsch hast du!“ Ich schätze die Mädchen auf 14 Jahre.

Da die Vier nun hinter mir gingen, konnte ich noch ein bisschen mehr hören. Der junge Mann war zwar schnell kein Thema mehr, dafür erzählte eine, dass sie von einer Freundin aus Frankfurt eingeladen worden war. Um mit ihr und ihrem Freund einen Dreier zu machen.

Ich werde mich nun nicht der Versuchung hingeben zu erzählen, wie unschuldig meine Freundinnen und ich noch mit 14 gewesen sind, wie wir „As long as you love me“ von den Backstreet Boys und Tic Tac Toes „Verpiss dich“ mitgesungen haben. Denn so ganz stimmt das natürlich nicht. Abgesehen davon, dass ich die Backstreet Boys nie leiden konnte, haben wir am Wochenende nicht nur Pyjamapartys gefeiert, sondern sind regelmäßig auf die Reeperbahn gegangen. Allerdings haben wir die Nacht anschließend immer bei einer Freundin, bei der die elterlichen Auflagen nicht so streng kontrolliert wurden, verbracht. Wir wussten zwar, wie man den (damals noch dafür empfänglichen) Türstehern schöne Augen macht und auf dem Gang zu den Toiletten rumknutscht, ansonsten waren wir aber doch: unschuldig.

Deshalb können wir bei allem, was wir über die Generationen nach uns wissen, doch nicht aufhören, erstaunt bis geschockt zu sein. Davon abgesehen kann man sich natürlich fragen: Warum muss man als Berliner Mädchen erst nach Frankfurt (ob Main oder Oder blieb offen, ich weiß auch nicht, was schlimmer wäre) fahren, um einen Dreier angeboten zu bekommen? Das wilde Party-Berlin hat schließlich einen Ruf zu verlieren!

Die Antwort des Mädchens auf die Frage ihrer Freundinnen, ob sie die Einladung annehmen werde (und ob der Freund auch einen „geilen Arsch“ habe), werde ich an dieser Stelle allerdings nicht wiedergeben. Die Zwischenmenschlich-Kolumne ist erst 17 Monate alt, ich möchte, dass sie noch ein bisschen ihre Unschuld behält.