Interview

„Ich höre privat ganz selten Musik“

André Rieu, der erfolgreichste Violinist der Welt, beginnt im Januar seine Deutschlandtour

Nach seiner Welttournee in diesem Jahr bricht der niederländische Walzerkönig Anfang 2015 erneut zu einer Reise durch Deutschlands Arenen und Konzerthallen auf, um sein neues Programm „Eine Nacht in Venedig“ vorzustellen. Am 5. Februar spielt er mit seinem Johann Strauss Orchester in der Berliner O2 World. Der Musiker André Rieu kennt keine Pausen. Und Musik macht er nicht zum Spaß. Ein Gespräch.

Berliner Morgenpost:

Auf welches Publikum oder welche Stadt freuen Sie sich 2015 besonders?

Das ist ganz schwer zu sagen. Jede Stadt hat ihre Besonderheiten. Das deutsche Publikum kennt die Musik, die wir spielen, ganz genau und kommt schon seit Jahren zu uns, das ist wunderbar. Im Juni werden wir aber auch zum allerersten Mal in Rumänien Konzerte geben, Open Air. Zum ersten Mal in ein neues Land zu kommen, ist auch immer etwas ganz Besonderes. Ich glaube, es ist diese Mischung aus Tradition wie in Deutschland und neuen Ländern wie 2014 China, Taipeh oder Singapur, die meinen Beruf einfach immer wieder erfüllend und spannend macht.

Von welcher Persönlichkeit aus der Musikbranche werden wir in 2015 noch viel hören und sehen?

Ich hoffe, von vielen jungen talentierten Violinisten.

Hören Sie zu Hause viel Musik?

Eigentlich nicht. Ich höre privat ganz selten Musik, auch im Auto nie. Ich entspanne mich viel besser beim Kochen, Lesen oder Spielen mit meinen Enkeln.

Mit welcher Musik sind Sie groß geworden?

Mozart, Bach, Beethoven, Wagner. Mein Vater war Dirigent. Die Beatles sind vollkommen an mir vorbei gegangen. Nix Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll. Bei uns zu Hause galt nur klassische Musik etwas. Meine Geschwister und ich haben alle eines oder mehrere Instrumente gelernt. Musik war Arbeit, kein Vergnügen.

Gibt es eine Musikrichtung, mit der Sie wenig anfangen können? Und wenn ja, warum?

Ja, schon. Für mich muss Musik eine Melodie und eine Harmonik haben. Mit zeitgenössischer klassischer Musik kann ich wenig anfangen, das sollen andere machen. Sie interessiert mich auch nicht, es ist einfach nicht meines. Und Rap oder Heavy Metal würde ich natürlich auch nicht spielen, das passt einfach nicht. Aber gute Pop- und Rockmusik, warum nicht?!

Wie ist es um die Klassik grundsätzlich bestellt, was bringt die Zukunft in Bezug auf klassische Musik?

Ich hoffe, viel neues, junges Publikum. Aber dafür muss die klassische Musikwelt mal von ihrem hohen Sockel heruntersteigen. Warum spricht man nicht mit dem Publikum in den Konzerten? Bernstein hat das gemacht, er hat das Publikum und viele junge Leute mit einbezogen. Warum schauen alle so ernst, als wäre gerade jemand verstorben, ganz egal, welche Art Musik sie spielen? Ich habe 120 fest angestellte Mitarbeiter, und mein Orchester ist das größte Privatorchester der Welt. Niemand ist so verrückt, sich ein eigenes Orchester zu leisten. Ich bekomme keine Subventionen – ich muss Tickets und CDs verkaufen, um diesen Betrieb am Laufen zu halten. Und das tue ich unter anderem mit klassischer Musik. Also, es geht. Sie müssen nur versuchen, die Leute glücklich nach Hause gehen zu lassen.

Haben Sie so etwas wie ein Ritual vor Ihren Auftritten?

Ein Ritual nicht unbedingt, aber einen festen Ablauf. Ich schlafe vor jedem Konzert, wir essen zusammen mit dem Orchester, und ich stimme mit jedem einzeln die Instrumente.

Was verbinden Sie mit Berlin?

Ganz viel. Mein Schwiegervater lebte vor dem Krieg in Berlin, bis er geflüchtet ist, die Familie meiner Frau ist jüdisch. Er war ein ganz großartiger Charleston-Tänzer und konnte damals nur seine Plattensammlung mitnehmen. Marjorie und ich lieben die Stadt beide sehr, sie „hat noch einen Koffer in Berlin“, im wahrsten Sinne des Wortes. Immer Sehnsucht. 2015 gehen die Berlin Comedian Harmonists mit uns auf Tour. Eine Hommage an die 20er- und 30er-Jahre dieser Stadt.

Gibt es etwas, ohne das Sie nicht auf Reisen gehen können?

Also mal abgesehen von meiner Stradivari würde ich sagen, ich könnte nicht verreisen ohne mein Handy, ohne Fotos von meiner Familie und nicht ohne mein rotes Sofa.

Was würden Sie 2015 gerne einmal über sich in der Zeitung lesen?

Ich habe keine Ahnung… Ich lese sowieso keine Artikel über mich.