Gourmetspitzen

Der Hahn ist tot, es lebe das Restaurant

Gourmetspitzen: Heinz Horrmann besucht das französische Lokal in Prenzlauer Berg

„Der Hahn ist tot.“ Die meisten kennen diesen Text als Kanon, der mehrstimmig in vielen Sprachen gesungen wird. Dass dies auch der Name eines Restaurants ist, wurde mir erst durch einen Leser-Hinweis klar. Der Name mag mir so fremd sein wie damals derjenige bei der Eröffnung des „Fischers Fritz“ – doch der Besuch hat sich gelohnt. Es muss nicht immer Sterneküche sein, und die teuren Genuss-Domizile sind auch nicht jedermanns Sache. Wer aber einmal echte französische Landküche zu kleinen Preisen erleben möchte, für den kommt meine Empfehlung richtig: „Der Hahn ist tot.“

Baguette, Knoblauch, Zitrone, Thymian. Die große Kennerin, Liebhaberin und Ideenlieferantin für die französische Küche, Trish Deseine, hat vorgemacht, wie man mit wenigen, überwiegend einfachen Zutaten den Duft des „Terroirs“, den einzigartigen Geschmack und das Flair der französischen Landküche, auf den Teller zaubern kann: Und hier in dem kleinen Restaurant in Mitte, direkt an der Zionskirche, wird exakt in die gleiche Richtung operiert. Ob es schnell gehen soll, ob die Zutaten aus dem Vorratsschrank genügen müssen oder ob man ein schickes Festessen plant: Die Zwei-Mann-Küche präsentiert eine Palette an Fisch-, Fleisch- und vegetarischen Gerichten für die unterschiedlichsten Gelegenheiten. Dabei dürfen natürlich auch süße Versuchungen wie Himbeertarte oder Bratapfel nicht fehlen – Bon Appétit! Die Köche hier haben die Grand-Cuisine-Jünger mit dem einfachen Kochen versöhnt, das schlechte Gewissen der Dessert-Fans beruhigt.

Vier Gänge kosten 20 Euro, zusätzliche À-la-Carte-Gerichte gibt es aber nicht. Dafür bietet das Restaurant mit dem höchst einfachen Ambiente, ohne Tischwäsche und Dekoration, gleich vier Hauptgerichte zur Auswahl und zwei Optionen für die Vorspeise. Bei meinem Besuch stand ein großer Suppentopf mit Steckrüben-Kartoffel-Cremesuppe mit Majoranpistou auf dem Tisch. Wie früher im „Club Méditerranée“ kann sich jeder Gast so viel einlöffeln, wie er mag. Einziger Nachteil: Von der Konsistenz her ist die Suppe mörtelfest geraten. Die Alternative, Quiche Lorraine, hat mir besser geschmeckt. Hauchdünner Boden, nach Elsässer Art mit viel Speck, herzhaft gewürzt. Den zweiten Gang hatte ich in dieser Form noch nicht erlebt. Eine riesige Salatschüssel mit einer gewaltigen Portion Blattsalate und Brunnenkresse, dazu Granatapfel und Kürbiskerne, angenehm geröstet, war ebenfalls zum Selbernehmen da. Ein Dressing gab es dazu nicht, auch das richten sich die Gäste mit unterschiedlichen Ölen (ich wählte Walnussöl) und Essig-Kombination selber an. Die ganze Auswahl steht in Flaschen gefüllt auf dem Tisch. Eine so große Salatportion habe ich wohl noch nie genossen.

Vier Hauptgerichte stehen regelmäßig zur Wahl: Coq au vin mit Kartoffelgratin und Ofengemüsen, die Rotweinreduktion war intensiv und wohlschmeckend, das Geflügelfleisch butterzart. Eine gute Wahl. Das betonten aber auch meine Nachbarn vom Confit von der Barbarie Entenkeule auf Lebkuchensauce mit Kartoffelklößen und Quittenrotkohl. Auch eine Aromakombination, die ich bisher nicht kannte. Nummer drei der Kombinationen ist der Matelot vom Lachsfilet in Rotweinsauce, ein deftiges Matrosengericht, so auch die Übersetzung von Matelot. Dazu passt das Champignon-Lauchgemüse ausgezeichnet. Nummer Vier ist für die Gilde der Vegetarier: Pastinaken-Kastanien-Ragout in Rosmarin-Preiselbeer-Rahm mit Kürbis-Kartoffel-Püree. Es gibt also für jeden das Richtige.

In einer anderen Konstellation, an einem anderen Tag, war der Renner Boeuf Bourguignon, ebenfalls eine Rotwein betonte Köstlichkeit von geschmortem Rindfleisch.

Beim Dessert gibt es stets nur einen süßen Abschluss. Wir genossen den Bratapfel mit Marzipan und Haselnussfüllung, dazu gab es eine Vanillesauce. Auch diese Kombination ist kaum besser herzustellen. Die Aromen stimmten, Garwerte und Konsistenz waren perfekt.

Kaum zu glauben, dass die Vielzahl der Gerichte in dem bis auf den letzten Platz ausgebuchten Restaurant von zwei Köchen „gestemmt“ werden kann. Das verlangt eine exzellente Vorbereitung, weil um 19 Uhr alle Tische besetzt waren. Kompliment für diese Leistung. Da ist es nur zu verständlich, dass für Extrawünsche und Chichi auf dem Teller kein Platz ist. Erwähnenswert sind da noch die riesigen Portionen – Landhausküche eben.

Die Weinkarte ist sehr klein, etliche Kreszenzen werden glasweise angeboten, und die Preise für Flaschenweine liegen komplett unter der 20-Euro-Grenze. Ein gewaltiger Vorteil ist der Service. In derart einfachen Restaurants geht es häufig sehr unpersönlich zu. Doch hier steht der Gast wirklich im Mittelpunkt und wird gepflegt. Auch das Serviceteam ist klein, kommt aber selbst im voll besetzten Restaurant gut zurecht. Der Restaurantleiter schleppt selbst und ist bei allem Druck immer zu einem Scherz aufgelegt. Ich muss wirklich sagen, in der Summe aller Dinge ist das kleine Lokal mit dem lustigen Namen eine echte Empfehlung.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost