Zwischenmenschlich

Weine, wenn der Regen fällt

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Neulich saß ich mit einem Freund in einem Restaurant in Charlottenburg, als eine Frau hinter uns plötzlich anfing zu weinen. Zuvor hatte sie still ihre Quiche gegessen und dabei Zeitung gelesen. Ob es die Lektüre gewesen ist, die sie so traurig gemacht hat, oder die Tatsache, dass sie alleine essen musste, weiß ich nicht. Die Quiche konnte es auf jeden Fall nicht sein, die hatte ich auch, und sie war durchaus delektabel. Trotzdem fühlte sich der nette Kellner irgendwie verantwortlich, denn nachdem sie sich geschnäuzt hatte, ging er an ihren Tisch und fragte, ob er etwas für sie tun könne. Die Frau verneinte, doch zwei Minuten später war der Kellner wieder da, mit einem Cappuccino. „Der geht aufs Haus“, sagte er, und die Frau wehrte zunächst ab, musste aber dann doch lächeln. Daraufhin lächelte auch der Kellner, und mein Begleiter und ich automatisch auch. Irgendwie waren wir in diesem Moment alle getröstet.

Der Hintergrund dieser Geschichte ist aber, dass mir in letzter Zeit immer öfter Menschen über den Weg laufen, die plötzlich anfangen zu weinen. Die Drogerieverkäuferin, die beim Einräumen der Regale von einer Kollegin angesprochen wird. Die Trainerin in meinem Fitnessstudio. Eine junge Frau in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Da ich mal davon ausgehe, dass ich trotz der Akkumulation der Ereignisse nicht schuld bin, frage ich mich, was diese Menschen so traurig macht. Und warum sich die Vorfälle gerade jetzt so häufen. Ist das die dunkle Jahreszeit? Passieren gerade einfach so viele schreckliche Dinge? Oder sind wir zur Weihnachtszeit sentimentaler?

Doch was immer es ist – lassen Sie es raus. In sich reinfressen ist nie gut, ausgenommen die Quiche. Und auch wenn einige Menschen um sie herum betreten wegsehen, so ein Ausbruch hat auch für die Mitmenschen eine therapeutische Wirkung. Man guckt automatisch auch in sich hinein, und im besten Fall kommt man zu dem Schluss, dass man froh sein kann, weil es einem selbst zwar auch nicht immer gut geht, aber so schlecht, dass man mitten auf der Straße in Tränen ausbrechen müsste, doch noch nicht. Wenn Sie bei diesem Gedanken dann anfangen zu lächeln und damit direkt einen anstecken und der dann einen anderen ansteckt, zum Beispiel einen Busfahrer, der dann alle seine Gäste zum Lächeln bringt, ist zwar nicht auf einmal alles gut, aber zumindest schmeckt der Cappuccino gleich ein bisschen besser.