Zwischenmenschlich

Engel links, Teufel rechts

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

In Berlin begegnen einem ja viele Menschen, denen man lieber schnell aus dem Weg geht. Manchmal hat man aber auch Glück. Und trifft einen Engel. So wie ich neulich vor der Post an der Soorstraße in Westend. Dort stand ich im Novembernieselregen auf dem Gehweg, zusammen mit einem 1,70 Meter hohen, 50 Zentimeter breiten und 17 Kilogramm schweren Paket, meinem Fahrrad – und der Frage, wie ich uns drei denn nun nach Hause bugsieren sollte. Just in diesem Moment stieg neben mir ein lachender Mann aus dem Auto. „Ganz schön großes Paket für so eine kleine Frau“, sagte er und bot mir an, das Paket-Ungetüm mit seinem Auto mitzunehmen. „Sie müssen auch keine Angst haben, ich bin Kubaner.“

Dieser Satz erklärt natürlich alles. Aus der Sicht meines Helfers lässt er sich jedenfalls folgendermaßen erklären: Die Deutschen, speziell die Berliner, helfen sich nicht gegenseitig, schon gar nicht Fremden. Die werden höchstens angepöbelt, weil sie mit ihrem viel zu großen Paket den Weg versperren. Wer seine Hilfe anbietet, kann also nur kriminell sein. Oder von einem anderen Stern. Zum Beispiel aus Kuba.

So waren wir beide erstaunt: Ich, dass mich jemand mit Paket bis vor die Haustür und dann noch mal zurück zur Post fährt, damit ich mein Rad abholen kann. Er, dass jemand seine Hilfe annimmt. „Ich bin seit 30 Jahren in Berlin, das schlechte Wetter hat mich schon gekriegt – ich habe Rheuma“, sagte mein Helfer. „Aber dass ich anderen helfe, das bekommen auch die Berliner nicht aus mir raus.“

Mit diesem Satz im Kopf hatte ich mir natürlich vorgenommen, selbst etwas hilfsbereiter zu sein. Von der älteren Dame, die meinen Sitzplatz in der U-Bahn nicht haben wollte, und dem Herrn, der nicht mal nett gucken konnte, als ich ihm beim Bäcker die Tür aufhielt, ließ ich mich nicht entmutigen. Dann machte ich allerdings den Fehler, einer Mutter auf der Wilmersdorfer Straße nachzulaufen, deren kleiner Sohn einen Handschuh hatte fallen lassen. Als ich ihr den in die Hand drücken wollte, begann sie, das arme Kind anzuschreien, es solle gefälligst besser auf seine Sache aufpassen. Sonst könne es demnächst nackt durch den Winter laufen. Woraufhin der Junge natürlich in bitterlichste Tränen ausbrach. So viel zum Engelsein. Für den Kleinen war ich jedenfalls der Teufel.