Interview

„In Berlin schwelge ich in Erinnerungen“

Am Sonnabend singt Roger Cicero im Tempodrom. Ein Gespräch über alte Heimat und neue Energien

„Ich bau’ mich um und lebe noch mal“, singt Roger Cicero auf seinem neuen Album, das er kommenden Sonnabend im Tempodrom vorstellen will. Das Konzert ist bereits ausverkauft. Die Texte des Albums fordern dazu auf, das Leben leichter zu nehmen. Dabei war Roger Cicero nicht immer ein Sonnenschein. Ein Gespräch über das Glücklichsein und Berlin.

Berliner Morgenpost:

Ihr Songtext klingt nach einem Neustart. Passiert das öfter mal in Ihrem Leben, dass Sie da einen Reboot-Knopf drücken?

Roger Cicero:

Ja, ich versuche in letzter Zeit eigentlich immer mehr, mich gar nicht so in festen Bahnen niederzulassen, sondern eher immer wieder aufs Neue zu gucken: Was will mir diese Aufgabe sagen oder was gibt es zu lernen oder zu gucken? Dass ich gar nicht erst so in einen Automatismus komme, der es verlangen würde, einen Reboot-Knopf zu drücken, sondern mir eine ständige Offenheit zu bewahren. Das ist im Moment das, was ich versuche.

Das klingt nach positivem Denken. Ist es nicht anstrengender, glücklich zu sein? Es ist doch leichter, zu jammern, nicht?

Glück ist Übungssache. Jammern ist meistens besser trainiert. Und es ist genauso Trainingssache, sich die Sachen immer aktiv ins Bewusstsein zu rufen, für die man dankbar ist. Hat man sich daran erst mal gewöhnt, dann kommt irgendwann die Waage ins Gleichgewicht. Das ist eine Entscheidungssache. Wenn man sich daran gewöhnt hat, das Gute zu sehen, ist es ganz leicht. Wir sind einfach manchmal nicht so daran gewöhnt, diese Dinge wahrzunehmen. Wenn das erst mal der Fall ist, ist es überhaupt nicht anstrengend, glücklich zu sein!

Waren Sie schon immer so, dass Sie sich auf die positiven Dinge konzentriert haben? Oder waren Sie früher knatschiger?

Ich war definitiv auch eher knatschiger unterwegs und habe mich auf die negativen Sachen konzentriert. Das ist mir irgendwann immer bewusster geworden und aufgefallen. Das war eine Entscheidung, das zu ändern und mich anders auszurichten. Das kam mit der Zeit, schleichend, ein fortwährender Prozess. Mich hat Yoga dahingehend trainiert. Mich klarer wahrzunehmen. Ich praktiziere auf Tour täglich Yoga. Mein Yogalehrer ist auch mein Fahrer. Eine praktische Kombi. Wir machen das die letzten vier Tourneen schon so. Da geht es dann direkt nach dem Aufstehen erst mal auf die Matte, und das ist ein sehr guter Ausgleich!

Wie vermitteln Sie notorischen Griesgramen eine positive Lebenseinstellung?

Bei guten Freunden mache ich das so oder so. Dafür sind Freunde auch da. Ich habe ein paar sehr enge Freunde, die das bei mir genauso machen. Da fühlen wir uns gegenseitig gerufen, um uns wieder auf den rechten Pfad zu rücken. Das finde ich sehr wichtig. Es ist halt immer sehr schwierig, weil, wenn jemand nicht fragt … Nicht jede Empfehlung stößt auf fruchtbaren Boden. Da muss man vorsichtig sein mit guten Ratschlägen, das ist meine Erfahrung.

Wo leben Sie zur Zeit?

In Hamburg. Aufgrund meiner Lebenssituation mit meinem Sohn, in Trennung lebend, würde ein Umzug das noch unnötig verkomplizieren. Das ist für mich ein Grund, weiter in Hamburg zu leben. Ich bin gerne in Berlin und schließe es auch nicht aus, irgendwann hier zu leben. Aber im Moment kommt es nicht in Frage.

Wo sind Ihre Lieblingsecken in der Hauptstadt?

Dort, wo ich groß geworden bin, in Wilmersdorf, Grunewald, Charlottenburg, die Kieze, in denen ich mich auskenne. Da dann hinzufahren und in Erinnerungen zu schwelgen, macht mir Spaß. Die Straße, in der ich aufgewachsen bin, gucke ich mir dann auch an, die Douglasstraße. Das war früher eine sehr, sehr offene, fast dörfliche Straße. Jetzt sind da meterhohe Zäune, es ist sehr zugebaut. Ich war sehr erschrocken, als ich da letztens durchgefahren bin. Tja. Alles verändert sich. Immer.

Im letzten Song auf Ihrem Album heißt es, dass Sie nicht gefragt werden wollen, wo es jetzt noch hingeht. Ich frage dennoch: Wo gehen Sie jetzt noch hin?

Zum Soundcheck. Ich stand im Stau, jetzt das Interview – die haben schon ohne mich angefangen, ich bin viel zu spät.