Ehrentag

„Wegen ein paar Falten muss man nicht verzweifeln“

Für Corinna Harfouch hat sich mit der Schauspielerei ein Kindheitstraum erfüllt. Morgen feiert sie ihren 60. Geburtstag

Schmal und leuchtend blau sind ihre Augen – oft blicken sie streng, skeptisch und ein wenig melancholisch. Corinna Harfouch ist eine eigenwillige, lebendige Persönlichkeit und gilt als eine der vielseitigsten deutschen Schauspielerinnen. Ein Star auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen, in der DDR und erst recht im wiedervereinigten Deutschland. Am Donnerstag wird sie 60 Jahre alt – und kümmert sich nicht ums Alter. „Darauf kommt es doch an: Seine inneren Freuden und seine Außenwirkung irgendwie ins Gleichgewicht zu bringen. Dann muss man auch nicht wegen ein paar Falten verzweifeln“, sagte sie in einem Interview.

Schon als Kind will sie zur Bühne, spielt im Schultheater. Geboren 1954 als Corinna Meffert in Suhl, aufgewachsen in Großenhain/Sachsen, bewirbt sich die Lehrertochter vergeblich an einer Schauspielschule. Sie wird Krankenschwester und beginnt ein Studium zur Textilingenieurin in Dresden. 1978 schafft sie es im zweiten Anlauf an die Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Endlich liegt die ungeliebte sächsische Provinz hinter ihr. Aber, wie sie heute sagt, man kann seine Wurzeln nicht abschneiden: „Man hat sie einfach, ob sie einen nun ärgern oder nicht. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptiert habe.“

Sie macht sich einen Namen in der Berliner Theaterszene, vor allem in Stücken des Dramatikers Heiner Müller. Da heißt Corinna Meffert schon Harfouch. Den Nachnamen verdankt sie ihrer ersten, kurzen Ehe mit dem syrischen Informatiker Nabil Harfouch. Neben dem Theater arbeitet Harfouch für Film und Fernsehen. In Siegfried Kühns „Die Schauspielerin“ beeindruckt sie 1988 als Darstellerin, die sich im Nationalsozialismus eine falsche, jüdische Identität zulegt, um mit dem geliebten Mann, einem Juden, zusammenleben zu können.

Nach Ende der DDR kommt der wichtige Karriereschub für Harfouch ausgerechnet durch eine ZDF-Vorabend-Serie: „Unser Lehrer Dr. Specht“ (1992/93). „Ich habe das gedreht, aber nie gewagt, es mir anzusehen. Keine einzige Folge“, sagte sie kürzlich. Mehr als 90 Kino- und TV-Filme drehte sie, darunter Anspruchsvolles wie „Das Versprechen“ und „Der Untergang“, Leichtes wie „Giulias Verschwinden“ und TV-Serien wie „Tatort“ und „Eva Blond“. 2003 erhielt sie den Deutschen Filmpreis für „Bibi Blocksberg“, 2007 die „Goldene Kamera“ als beste deutsche Schauspielerin. Harfouch hat mit Bruno Ganz, Henry Hübchen und Götz George gearbeitet. George ist ihr Gegenpart in „Solo für Klarinette“ (1998): In der Rolle der rätselhaften Anna reagiert sie auf Georges brachiale Darstellung mit subtilem Understatement. Und hier zeigt sich etwas, das bis heute die Faszination der Schauspielerin Harfouch ausmacht: Sie gibt nicht viel von sich preis. Der Zuschauer spürt, da ist mehr, in der Tiefe. Ihre Stimme ist eher leise, aber von fast schneidender Deutlichkeit. Diese Frau weiß, was sie will und wie sie es bekommen kann.

In Yasmina Rezas Theaterstück „Ihre Version des Spiels“ (2012) verkörpert sie mit unglaublicher Kraft eine Erfolgsautorin, die bei einer Lesung völlig ausflippt. „Wir proben am Theater das Leben – Konzentration, Intelligenz, Freude, Spaß, Ernsthaftigkeit“, sagte Harfouch damals, „das hängt aber nicht von dir allein ab. Dieses Zusammenspiel ist das Beglückende, aber auch manchmal das Frustrierende.“

Die Schauspielerin hat drei erwachsene Kinder. Sohn Robert, aus der Ehe mit Michael Gwisdek, ist ebenfalls Schauspieler und stand vor zwei Jahren mit seiner Mutter vor der Kamera, in der WG-Komödie „Drei Zimmer/Küche/Bad“. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Wolfgang Krause Zwieback, lebt Corinna Harfouch überwiegend auf dem Land, in Brandenburg. Dort genießt sie die Ruhe, wie sie sagt. Das Älterwerden hat für sie viele Vorteile: „Sie können die Dinge richtig sortieren, sind nicht mehr so durcheinander. In gewisser Weise kommen Sie zu sich.“