Zwischenmenschlich

Im Sonderzug nach Spandau

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Das geht ja gut los. Nach viel Gedrängel, lautem Palaver und großer Aufregung darüber, wer neben wem einen Platz bekommt, sitzt Klasse 9b eines Hamburger Gymnasiums im ICE nach Berlin. Doch kurz hinter Bergedorf der Schock: Marcel hat seinen Koffer auf dem Bahnsteig stehen lassen. Da war die Vorfreude wohl größer als der Verstand. Das ist aber auch aufregend, so eine Fahrt nach Berlin!

Ich mag den 9.06-Uhr-Zug am Montagmorgen. Während davor nur Geschäftsleute unterwegs sind, gehört diese Bahn den Reisenden, bepackt mit schweren Koffern (jedenfalls die meisten) und großer Vorfreude. Wie die japanische Reisegruppe, zehn Mann, alle hoch konzentriert in ihre Berlin-Reiseführer guckend. Ab und zu fallen Namen von Gedenkstätten, alle nicken ernst. Einer steht auf und fotografiert die elektronische Anzeige, nächster Halt: Berlin Hbf. Hamburger Hafen, Michel, Alster – das war nur zum Aufwärmen. Gleich erreicht das Sightseeing eine andere Liga. Ein paar Wagen weiter, im Bordrestaurant, ist die Vorbereitung noch intensiver. Zwei junge Frauen, eine in Segelschuhen, die andere mit Halstuch mit Ankern drauf, trinken Prosecco. Ein Mitvierziger nippt an einem Bier. Morgens, halb zehn im Sonderzug, einpegeln für die Hauptstadt. Ein Pärchen in bunten Allwetterjacken („Schatz“ und „Schatz“) ist auch so aufgedreht genug. Einmal Kreuzberg sehen! Der Wahnsinn! Er hat sogar einen Hegemann-Roman dabei. Man will ja dazu gehören. Und es geht gleich wild los: Endhaltestelle für die Beiden ist Spandau.

Dann ist es so weit, Klasse 9b poltert aus dem Zug. Berlin, da sind wir! Der Lehrer atmet noch einmal tief durch, dann scheucht er seine Schützlinge aus den Katakomben des Bahnhofs. Der verlorene Koffer, das weiß er jetzt, war nur der Anfang.