Stilfrage

Trachten in Grün und Schwarz

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Das Oktoberfest. Da ist es wieder, am Wochenende wird es in München eröffnet. Keine Sorge, ich werde mich nicht noch einmal über die Dos und Don’ts des passenden traditionellen Kleidungsstücks für diesen Anlass auslassen. Einen todsicheren Tipp kann ich Ihnen aber trotzdem mit auf den Weg geben: Sollten Sie das Gefühl haben, wie Claudia Effenberg oder Carmen Geiss auszusehen, haben Sie etwas falsch gemacht. So einfach ist das.

Nein, das, was mich am Thema Tracht überrascht hat, ist etwas ganz anderes. Jeder, der möchte, kann Tracht tragen. Dachte ich zumindest. Diese Tradition polarisiert allerdings deutlich mehr, als ich angenommen hatte. Und das ausgerechnet in der Politik. Dorothee Bär, CSU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretärin, erfuhr das vor ein paar Wochen am eigenen Leib, als sie im Dirndl bei einer Sitzung auf der Regierungsbank im Bundestag teilnahm. Über Twitter lieferten sich die Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl und Bär eine modische Schlacht. Kotting-Uhl sah das Kleidungsstück als rückständig an. Als Bedrohung für die eigene Modernität. Dass Claudia Roth, ebenfalls bei den Grünen, gern und oft Dirndl trägt, nun ja. Und dabei waren es doch mal die Grünen, die damals die Tracht der Straße (Turnschuhe, Jeans, Leinenjackett) mit Joschka Fischer in den ehrwürdigen Plenarsaal trugen und solche Sachen eigentlich immer locker sahen. So können sich die Zeiten ändern.

Nun soll man nicht denken, dass nur in der Dirndl-Partei/Anti-Dirndl-Partei die Emotionen hochkochen, wenn es um eindeutige Kleidung geht. Nein, es gibt auch die etwas andere Tracht, die heiß und innig geliebt wird. Wie Schockwellen ging deshalb eine Antwort der „Vogue“-Hohepriesterin Anna Wintour in einem Video-Interview für ihr eigenes Magazin durch die „Schwarz tragende“ Gemeinde. Sie würde NIEMALS, ich betone NIEMALS, Schwarz von Kopf bis Fuß tragen.

Was in der Tat richtig ist. La Wintour mag bunte, knielange Kleider, gern im Etui-Stil. Das ist ihre persönliche Tracht. Das Wintour-Dirndl sozusagen. Aber was tun, wenn die bisher sichere modische Bank auf einmal nichts mehr wert ist? Schwarz verpönt von ganz oben? Eine weiße Unterhose tragen?