Satiresendung

Dieter Nuhr im Dauer-Shitstorm

Der rheinländische Kabarettist zeichnet seine Sendung „Nuhr im Ersten“ im Berliner Radialsystem auf. Ein Gespräch

Fragt man als Journalist einen Hollywoodstar auf Hauptstadtbesuch, wie er denn Berlin finde, lautet die offizielle Antwort meist gleich: „Ich liebe es!“ oder „Die Stadt ist großartig!“. Klar, ein über die Stadt schimpfender Prominenter verdirbt es sich schnell bei ihren Einwohnern. Und wer seine Fans vergrätzt, kann bald einpacken. Dieter Nuhr ist das egal. In Berlin sei schon eine Menge los, sagt er beim Interview im Radialsystem an der Holzmarktstraße in Friedrichshain, aber „auf diese Schroffheit habe ich keine 365 Tage im Jahr Lust. Ich finde es ganz nett, wenn man auf der Straße auch mal angelächelt wird. Wenn man das hier macht, dann denken die Menschen: ‚Wat will der denn von mir? Geld? Oder wat ist los?‘“

Dieter Nuhr ist nach Berlin gekommen, um hier seine Satiresendung „Nuhr im Ersten“ aufzuzeichnen. Nach der Sommerpause erhielt das Format einen neuen Namen (zuvor hieß es „Satiregipfel“) und einen neuen Sendeplatz am Donnerstag nach den „Tagesthemen“. Obwohl sich der Rheinländer nicht dauerhaft in der Hauptstadt niederlassen möchte, hat er einen Zweitwohnsitz im „beschaulichen Charlottenburg“. Dass er mit seinen Äußerungen über die Berliner anecken könnte, interessiert den 53-Jährigen nicht die Bohne. „Ich lebe in einem Dauer-Shitstorm“, sagt Nuhr. Kritik sei er gewohnt. Verwunderlich ist das nicht: Schon in den ersten Sendeminuten während der Fernsehaufzeichnung vor mehreren Hundert Zuschauern, nimmt er unter anderen AfD-Anhänger, Grünen-Wähler, Sangria-Trinker, Russen und Selbstmordattentäter aufs Korn.

In Zeiten von Social Media sei es mit den Anfeindungen viel extremer geworden, findet Nuhr, der bei Facebook und Twitter sehr aktiv ist. „Kaum sagt man etwas Kritisches über den Islam, schon wird man im Internet als Rassist beschimpft! Oder geschlechterspezifische Sachen, da sind die Reaktionen teilweise extrem. Krass sind auch Vegetarier, die sind so leicht reizbar! Die schreiben dann bei Facebook so etwas wie: ‚Weißt du nicht, dass Fleisch aggressiv macht, du Drecksau!‘“

Solch radikale Äußerungen seien der Anonymität des Internets geschuldet, sagt der Wahl-Ratinger, den ein Shitstorm eher anspornt, noch weiter Salz in die Wunde zu streuen als einzulenken („Da bin ich renitent!“). Ihn wurme eher grundsätzlich „der Zerfall jeglicher Zivilisation“, der momentan stattfinde. Anonyme Beschimpfungen im Netz seien vergleichbar mit aggressivem Verhalten im Straßenverkehr, so Nuhr: „Wenn ich allein im Auto sitze, da benehme ich mich auch wie Sau. Wenn dann jemand an mein Fenster klopft und fragt, ob ich ein Problem hätte, dann ist mir das unfassbar peinlich.“ So sei das auch im Web: Menschen, die ihn beleidigten, schreibe er persönlich an und fordere sie auf, sich zu entschuldigen. Und wenn sie dies nicht täten, haber er seine eigenen Mittel, sie zur Räson zu bringen: „Kostenpflichtige Abmahnungen sind ein gutes Instrument zur Zivilisierung des Internets. Ich verschicke sehr, sehr gern Abmahnungen über meinen Anwalt!“

Die meisten Menschen seien ihm, trotz spitzer Zunge, aber positiv gesinnt, und er habe auch Spaß daran, gute Nachrichten auf der Bühne zu verbreiten. „Dieses Gejammer muss endlich aufhören“, sagt Nuhr, „uns geht es doch so gut hier auf unserer Insel der Seligen in diesem Konglomerat aus unzivilisierten Kräften.“