Zwischenmenschlich

Charlotte legt Rouge auf

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Was haben wir uns schon über Hipster ausgelassen. Über ihre mintgrünen Ballonseide-Jacken, die Hochwasser-Bundfaltenhosen und die Uralt-Brillengestelle. Über das modische Leben im Vergangenheiten-Kleiderschrank. Lächerlich und faszinierend zugleich. Doch jetzt droht ihnen eine andere Modebewegung den Rang abzulaufen. Woher sie kommt? Nein, nicht aus Mitte. Auch nicht aus Kreuzberg. Aus dem hippen Charlottenburg natürlich.

Die Basics: viel zu weite, beulige und gleichzeitig zu kurze Lederjacke mit Glitzernieten, französische Baskenmütze (original aus Paris), große, dunkle Sonnenbrille, gerne auch mit Glitzer. Dazu dünne Zigaretten, die selbstverständlich mit Zigarettenspitze geraucht werden, und sehr stark schminken, reichlich knallroten Lippenstift auftragen und auf keinen Fall mit dem Rouge geizen. Ein kleiner weißer Hund in Wischmoboptik rundet das Gesamtbild ab. Fertig ist der Charlottenburger Witwen-Chic. Am besten präsentiert um halb zwölf Uhr mittags vor einem gediegenen Bistro, mit einem großen Glas schweren Rotweins.

Das Tolle an dieser Stilbewegung ist: Das Statement ist total authentisch. Diese Frauen tragen keine Mode aus einer anderen Zeit, sie selbst sind aus einer anderen Zeit. Das müssen die Hipster erst mal schaffen.

Dazu passt natürlich, dass mitten durch Charlottenburg die sogenannte Antikmeile verläuft. Das heißt, dort, wo in Prenzlauer Berg Spätis sind, gibt es in Charlottenburg Läden mit Antiquitäten. Anstatt Ampellichter mit herzförmigen Schablonen zu bekleben, Fixie zu fahren und Fahrradreifen über Laternenpfeiler zu werfen, gehen die Vertreterinnen des CWC in Antikläden, streicheln einen ausgestopften Fuchs, posieren hinter goldbeschichteten Bilderrahmen und sammeln Porzellan, das in ihrem Geburtsjahr hergestellt wurde.

Die meiste Zeit verbringen sie aber damit, sich zu fragen, warum ihre Kinder und Enkelkinder sich eigentlich so selten melden. Und wie die überhaupt aussehen. Jacken aus Ballonseide, und diese schrecklichen Jutebeutel. So etwas hätte es zu ihrer Zeit nicht gegeben.