Zwischenmenschlich

Berlin jagt Dr. No

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es regt mich ja ziemlich auf, wenn ich von Deutschen höre, die im Ausland leben, dort aber nur mit ihren Landsleuten verkehren und auch nach Jahren noch nicht die Landessprache sprechen. Dabei muss ich gestehen, dass mir nach drei Jahren in Berlin noch kein einziges „Icke“ über die Lippen gekommen ist und ich mich jedes Mal wie Bolle freue, wenn ich auf der Straße jemanden mit einem FC-St.-Pauli-T-Shirt sehe. Ja, ich steh auf dieses Zusammengehören-in-der-Fremde – auch wenn ich mir fest vorgenommen habe, die Berliner eines Tages zu verstehen.

Neulich habe ich nun eine neue Nachbarin kennengelernt, die auch aus Hamburg kommt. Sie erzählte mir, wie gern sie hier mittlerweile lebe, dass ihr aber eine Sache absolut fehle, die sie immer wieder nach Hamburg zurückkehren lasse, weil sie diese hier einfach nicht finde: ein guter Arzt.

Bevor mich nun die gesamte hauptstädtische Doktorenschaft mit bösen Leserbriefen bombardiert – das ist die Meinung meiner Nachbarin. Die ich allerdings teilen muss. Fangen wir bei dem Augenarzt an, der mir partout keine neue Brille verschreiben wollte, weil er meinte, ich könnte mit der alten auch noch super sehen. Mit neuer Brille beim Optiker stellte sich heraus, wie sehr sich der gute Mann verguckt hatte – ich brauchte auf jedem Auge eine Dioptrien mehr.

Dann war da diese Allgemeinärztin, selbst krank und mich ständig anhustend, aber immer noch fit genug, mich anzublaffen, dass sie mir auch nicht helfen könne, wenn ich nicht wisse, wie hoch mein Fieber gewesen sei – und was ich überhaupt für einen Haushalt führen würde, ohne Fieberthermometer. Oder der HNO-Arzt, der mehr als ein Dutzend Theorien zum Ursprung meiner Kopfschmerzen hatte, mich aber – als ich ihm sagte, es sei relativ sicher die Stirnhöhle – anherrschte, was ich denn bei ihm wolle, wenn ich das eh schon wisse. Allein den Orthopäden mochte ich, aber wahrscheinlich nur aufgrund der Nachricht, dass an meinem dicken Knöcheln nichts gebrochen war.

Zu einer Frauenärztin habe ich mich in Berlin übrigens noch gar nicht getraut, da verlasse ich mich ausschließlich auf die in meiner Heimat. Übrigens eine gebürtige Berlinerin.