Stilfrage

Sabrina-Petra aus Kleinkleckersdorf

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Manche Designer haben vor nichts Angst. Mutig ziehen sie jeden noch so abstrusen Trend aus der Stil-Zeitmaschine oder dem umfassenden Archiv ihrer Marke. Karl Lagerfeld kann das besonders gut. Das sieht man diesen Herbst nicht zuletzt an den Accessoires. Über die Rückkehr der Haarwurst habe ich Sie ja bereits aufgeklärt. Aber das war nur der Anfang einer Reise in die, sagen wir, seltsame Modewelt. Louis Vuitton, Céline, Balmain und auch Chanel haben dafür gesorgt, dass sich zwei schmucke Stücke wieder ihren Weg in den Massenmarkt gebahnt haben. Da wäre als Erstes die sehr eng am Hals liegende Kette, im Englischen wird sie auch „Choker“ genannt. Es gibt sie aus Samt, mit Perlen oder einem altmodisch aussehenden Amulett als Anhänger. Ich dachte eigentlich, die Halsbänder hätten in der Gothic-Szene ein Zuhause gefunden. Die schwarz gekleideten Mädchen im bleichen Königin-Victoria-Look schienen die optimalen Trägerinnen zu sein. Man tat sich gegenseitig nicht weh. So konnte selbst eine Sabrina-Petra aus Kleinkleckersdorf ihrem angebeteten Rüdiger eine gewisse Verruchtheit mit dem Halsband vorgaukeln. Vermutlich liegt die unvorhersehbare Wiedergeburt dieses Teils auch an der bald in die Kinos kommenden Verfilmung des Sado-Maso-Mittelmäßigkeit-Romans „50 Shades of Grey“.

Quasi eine Gegenbewegung zu diesen Geschehnissen ist ein zweiter Schmucktrend. Der einseitige Ohrring. Er ist so etwas wie das Hinkebein unter den Schmuckstücken und baumelt traurig an einer Seite des Halses entlang. In Großbritannien wird er als cooles Punk-Accessoire verkauft. Für mich symbolisiert er nur die allerschlimmste 80er-Jahre-Spießigkeit. Malventee, asymmetrische Haarschnitte und definitiv kein Sex-Appeal. Dafür viel stricken. Zu meiner Schulzeit wurde er gerne von Religions- oder Soziologielehrerinnen getragen. Die hatten nicht nur einen solchen Ohrring, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch einen Doppelnamen. Zum Beispiel Frau Bruch-Brachtendonk oder Frau Keller-Marisal. Sie gaben uns Texte aus der 68er-Generation. Sie lasen sie uns mit Inbrunst vor und an ihrem Ohr baumelte energisch der silberne Kegel mit einer dicken Kugel. Und wir hatten plötzlich Angst vor dem Waldsterben. Haha.