Zwischenmenschlich

Drei Städte plus zwei Fußballfans

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Ich bin ja kein Fan von Lernen um des bloßen Lernens willen. Man lernt fürs Leben – und das sein Leben lang. Der Berliner Nachwuchshipster, der vergangenen Sonnabend zum Saisonauftakt von Hertha gegen Werder in der S-Bahn Richtung Olympiastadion in die Unterhaltung mit einem Bremer Fan geraten war, hat sich aber sicher gewünscht, in der Schule doch ein paar Daten zu seinem Heimatland auswendig gelernt zu haben. Ob er denn Hertha-Fan sei, hatte ihn der Bremer gefragt, woraufhin der Teeniehipster erklärte, naja, ginge so, aber dass er auch nichts gegen die Heimat seines Gegenübers habe, man müsse ja zusammenhalten, schließlich seien Berlin und Bremen zwei der fünf deutschen Stadtstaaten. Man konnte in diesem Moment nur dem Fußballgott danken, dass Hertha an dem Tag nicht gegen Bayern München antreten musste, da die Bayern den Berlinern nicht nur fußballerisch, sondern auch in sämtlichen Bildungsvergleichen haushoch überlegen sind. Und welche Kenntnisse unser junger Bildungsbürger in Bezug auf Freistaaten gehabt hätte, möchte man sich lieber nicht ausmalen. Der freundliche Bremer, selbst seit Jahren Pisa-Schlusslicht, korrigierte den Fehler nach einem tiefen Schluck aus seinem Hemelinger (ein Bier aus Bremen), um dann zu einem Vortrag darüber anzusetzen, wieso Bremen und Hamburg zwar beides Stadtstaaten seien, man aber einen Teufel tun und zusammenhalte werde. Leider musste der Schüler mit seinem Rennrad in diesem Moment aussteigen, so ging an ihm eine wichtige Lektion fürs Leben vorbei, und an allen Zuhörenden, welche zwei Städte er denn nun eigentlich noch für Stadtstaaten gehalten hatte.

Die Spekulationen darüber zogen sich noch auf dem Weg zum Stadion hin, die Favoriten waren Köln (weil Städte allein ja nicht einfach eine fünfte Jahreszeit einführen dürfen), Freiburg (weil frei), Frankfurt (weil die Banken eh machen, was sie wollen) und Palma de Mallorca. Sechster Stadtstaat wird dann bald Leipzig sein, Red Bull kann den Titel ja einfach kaufen.

In dieser Verzweiflung hätte man sich am liebsten an Jos Luhukay wenden wollen, der Berlin nicht nur sportlich gerettet hat, sondern als Niederländer Pisa-technisch stets in der Spitzengruppe spielt. Auf dem Platz zeigte sich, wie viel Berlin und Bremen noch lernen müssen. Das gilt fußballerisch übrigens für alle Stadtstaaten.