Zwischenmenschlich

Pöbeleien an privaten Pfeilern

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

In der vergangenen Woche bin ich dreimal fast auf der Straße gelandet. Also, wörtlich genommen, mit einem Satz über den Lenker. Ein neues Dach über dem Kopf habe ich jetzt, und zwar eines, von dem ich endlich wieder mit dem Fahrrad ins Büro fahren kann. Doch die Zahl an Fast-Unfällen, die jeden Tag in dieser Stadt passieren, müsste die Kapazitäten jedes Statistikamtes sprengen. Gerade gestern: Ein Autofahrer schleicht sich an die Haltelinie Pestalozzi- Ecke Leibnizstraße an, und als er genau auf Höhe des Stoppschildes ist, gibt er plötzlich Gas – obwohl das Auto von links mittlerweile ebenfalls auf seiner Höhe angekommen war. Zum Glück konnte der zweite Fahrer scharf bremsen. Und hat übrigens noch nicht einmal gepöbelt – etwas, das statistisch gesehen nicht oft passiert in Berlin.

Für mich und mein Rad wurde es an diesem Tag übrigens nicht auf, sondern vor der Heimfahrt gefährlich. Weil alle Fahrradständer vor dem Büro belegt waren, hatte ich meines einfach am Pfeiler eines Straßenschildes angeschlossen. Als ich es am Abend holen wollte, stand ein Wachmann daneben. So sicher ist mein Rad ja noch nie gewesen, dachte ich noch, bis der Mann so plötzlich, wie der Autofahrer Gas gegeben hatte, lospöbelte. Ich dürfe da nicht stehen, sagte der Mann, das sei ein privater Pfeiler. Privater Pfeiler? Ah, stimmt, an dem Pfeiler hängt ein Schild, auf dem „Privatgelände“ steht. Darüber hängt jedoch das höchst öffentliche Schild für Fußgängerzone. „Das heißt ja nicht, dass das nicht privat ist“, sagt der Mann. Schon wieder so etwas, das „nicht“ ist. In Berlin gibt es sogar ganze Zonen dafür! Dass es neben Pfeiler und Fahrrad nichts außer einer Häuserwand gibt, dem Abstellen meines Gefährts also eigentlich nichts im Wege steht – außer besagter Wachmann –, interessierte diesen übrigens: gar nicht. Stattdessen hieß es: „Nicht diskutieren, wegfahren!“ Da wollte ich ausnahmsweise mal nicht widersprechen. Auf der Fahrt nach Hause habe ich mich gefragt, ob das Stoppschild an der Pestalozzi wohl auch einem Privatmann gehört und der Autofahrer deshalb dort nicht halten wollte. Das würde auch das Verhalten der Berliner an roten Fußgängerampeln erklären. Auf jeden Fall bin ich für mehr private Sicherheitsdienste auf öffentlichen Straßen. Dann kracht es auch mal wieder.