Medizin

Die Helden der Hauptstadt

Zwei Berlinerinnen engagieren sich für die Organspende. Mit prominenter Unterstützung

Claudia Kotter mochte das „Sarah Wiener“ im Hamburger Bahnhof. Es bot ihr eine Alternative zu der einseitigen Kost, die sie, tagein, tagaus, im Krankenhaus nebenan serviert bekam. Vier Jahre wartete die junge Frau dort auf eine Spenderlunge. Mit gerade einmal 21 Jahren war sie auf das Organ angewiesen – und wäre aufgrund der langen Wartezeit beinahe gestorben.

Oft schob Angela Ipach, geborene Kotter, ihre schwer kranke Schwester damals im Rollstuhl über die Pflastersteine zum Restaurant. Deswegen ist ihr die Umgebung noch sehr vertraut, als wir sie und ihre Kollegin Ina Brunk an diesem Sommermorgen im „Sarah Wiener“ treffen. Während der Wartezeit auf ein passendes Spenderorgan gründete Claudia Kotter gemeinsam mit ihrer Familie und Freunden den Verein „Junge Helden“, der sich für Organspenden einsetzt.

Seit zehn Jahren engagiert sich der Verein in der Öffentlichkeit, geht an Schulen und veranstaltet Sport-Events, Vorträge und Feste, um das Thema Organspende vor allem bei jungen Leuten stärker ins Bewusstsein zu rücken. Der Plan geht auf: Die „Junge Helden Spenden Party“ ist mittlerweile schon fast legendär. Am 30. August findet sie das nächste Mal im „Spindler & Klatt“ statt, wie gewohnt mit prominenter Unterstützung: „Jürgen Vogel und Johanna Klum mischen die Drinks, und die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf schicken die Kassenfrau in den Urlaub, um selbst Stempel und Wechselgeld in die Hand zu nehmen“, so Angela Ipach. Mit dabei seien außerdem Charlotte Roche, Jochen Schropp, Benno Fürmann, Florian Lukas und Collien Ulmen-Fernandes. „Weil man damit Leben retten kann!“, erklärt Schropp sein Engagement.

Viele der prominenten Unterstützer kamen im Privatleben schon mit dem Thema Organspende in Berührung und setzen sich auch daher verstärkt dafür ein. Jürgen Vogel spendete seiner an Leukämie erkrankten Schwester Knochenmark. „Für mich ist das Thema Organspende ein klares Statement für das Leben“, sagt er. Ihn verband auch eine Freundschaft mit Claudia Kotter, der Schauspieler besuchte sie im Krankenhaus und gehörte von Beginn an zu den Unterstützern der „Jungen Helden“.

Nur 28 Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen einen Organspendeausweis, das Thema schrecke viele ab, so Angela Ipach, da es unmittelbar mit dem Tod in Verbindung gebracht werden würde. Dabei bringe die Thematisierung vor allem Leben. „Was den meisten nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass es wahrscheinlicher ist, dass man selbst eines Tages ein Spenderorgan benötigt, als selbst eine Organspende geben zu müssen“, klärt Angela Ipach auf. Und Ina Brunk ergänzt: „Auch wenn wir uns verstärkt dafür einsetzen, dass junge Leute ein Bewusstsein für das Thema entwickeln – ältere Menschen sind genauso gefragt. Die wischen das oft vom Tisch mit dem Argument: ‚Ach, für’s Spenden bin ich doch viel zu alt!‘ Dem ist aber nicht so! Auch wer schon älter ist, kann durchaus ein Organ spenden.“

Für Claudia Kotter, die das Restaurant „Sarah Wiener“ so mochte, wurde nach vielen Jahren eine Spenderlunge gefunden. Sie ermöglichte es der jungen Frau, die seit ihrem siebten Lebensjahr an der Autoimmunerkrankung Sklerodermie litt, wieder ein nahezu gesundes Leben zu führen, auf Reisen zu gehen, Sport zu treiben und sich für ihr Projekt, die „Jungen Helden“, zu engagieren. Im Juni 2011 verstarb Claudia Kotter plötzlich. An Herzversagen. Sie hinterließ ihre Vision und ein stark aufgestelltes Team, das diese seit dem schmerzlichen Verlust der Vereinsgründerin engagiert verfolgt. Das breite Netzwerk, das Claudia Kotter zu Lebzeiten aufgebaut hatte, kommt dem Verein heute noch zugute. „Lebensbejahend und positiv“ möchte dieser seine Botschaft in die Welt hinaustragen, so, wie Claudia Kotter einst war. Die Entscheidungslösung, mit der die Krankenkassen seit 2012 ihre Versicherten regelmäßig zum Ausfüllen des Organspendeausweises auffordern müssen, sei ein Schritt in die richtige Richtung, so Angela Ipach. Das Vereinsziel sei es, dass sich möglichst viele Menschen die Frage beantworten, ob sie Organe spenden möchten, oder nicht – ein „Nein“ auf dem Organspendeausweis sei genauso wichtig wie ein „Ja“. Was zähle, sei die Entscheidung.

www.junge-helden.org