Job

Die Herrin der Flaschen

Ulrike Wenzel beherrscht Barkeeping – sowie Thekenpsychologie bei männlichen Kunden

Es braucht nur vier Schritte, um die Currywurstbude zu durchqueren. An Frittenfett und Würstchen vorbei geht es in ein dunkles Hinterzimmer. In der linken Ecke steht eine rote Telefonzelle. „Da geht’s rein“ – Ulrike Wenzel läuft voran und klopft an die Rückwand. Eine junge Frau öffnet die Tür zum „Butchers“, einer sogenannten Speakeasy-Bar. So heißen geheime Bars, die man nur findet, wenn man die Adresse kennt. Deswegen öffnet die ehemalige Schlachterei am Rosenthaler Platz, in der heute Spirituosenflaschen an Fleischerhaken hängen, nur für diejenigen die Türen, die den Weg durch Imbiss und Telefonzelle kennen.

Ulrike Wenzel kennt diese Adressen, die nicht in Reiseführern stehen. Sie beherrscht nicht nur das Bar-Hopping, sondern auch das Barkeeping: Seit vier Jahren arbeitet sie als Barkeeperin. Angefangen hat sie mit 18 Jahren in einem italienischen Restaurant im Service, die nächsten Schritte waren verschiedene Hotelbars und ein Abstecher hinter die Bar eines Klubs. Mittlerweile arbeitet sie als Dozentin an der Berliner „BarAkademie“ und macht eine Weiterbildung zur Hotelfachfrau. An rauen Ton und Hierarchien hinter der Theke hat sie sich schnell gewöhnt. Genauso wie an den Umgang mit internationalen Gästen: „Man bekommt ein Gefühl dafür, Ratgeber, Psychologe und Helfer gleichzeitig zu sein. Mit einer einfachen Persönlichkeit kommst du an der Bar nicht weit.“ Dazu komme noch Durchsetzungsvermögen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Gäste „zu erziehen“. Dazu gehöre zwar ein bisschen Kraft, aber sie mache das mit Vorliebe, erzählt Ulrike Wenzel. Dabei unterscheidet sie zwei Kategorien von Gästen: Auf der einen Seite gibt es die Menschen, die nur trinken und gar nicht reden wollen. Auf der anderen Seite gibt es die, die trinken und großen Redebedarf haben. Bei der zweiten Kategorie hat der Barkeeper keine Wahl: „Schon bevor er was bestellt hat, erzählt er dir, wie schlecht es ihm geht.“ Dann ist Thekenpsychologie gefragt. Diese Gäste gebe es in Fünf-Sterne-Häusern genauso wie in der Bar nebenan.

Auf die Frage, was eine gute Barfrau oder -mann ausmacht, überlegt Ulrike Wenzel kurz. „Empathie, man muss ein guter Zuhörer sein und mit Konfliktsituationen umgehen können.“ Dass manche Männer ihren freundlichen Auftritt falsch verstehen, komme durchaus vor, erzählt sie. Auch Heiratsanträge habe es schon gegeben. In solchen Situationen setze sie dann auf Humor, Ehrlichkeit und viel Diplomatie. Schlimmer seien ältere Männer, die etwas gegen Frauen hinter der Theke hätten. „Ich glaube, das ist ein Generationending“, sagt Ulrike Wenzel. Die Bar als Männerdomäne – für viele Herren der alten Schule gehört eine Frau eher an den heimischen Herd als an die Theke. „Kurioserweise kann ich das auch ein bisschen verstehen. Für mich ist es auch ein ungewöhnliches Bild, wenn Frauen hinter der Bar arbeiten. Aber, wenn sie von ihrem Job etwas verstehen, ist es doch völlig in Ordnung.“