Zwischenmenschlich

Senioren mit Schmackes

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Morgens, halb zehn im Lietzenseepark. Keine Zeit für ein zweites Frühstück, hier wird gearbeitet. Schwer. Körperlich. Bis zur totalen Erschöpfung. Morgens, halb zehn, Zeit für Seniorensport.

Wer jetzt an behutsames Armekreisen, Wassertreten und sanfte Streckübungen im beigefarbenen Frottee-Trainingsanzug denkt, der hat noch nie einen Seniorenspielplatz aus der Nähe gesehen. Obwohl dieses Wort gleich noch mehr in die Irre führt, denn mit Kindereien haben diese Anlagen wirklich nichts zu tun. Gut, da gibt es ein Gerät, an dem man sich festhält, den Oberkörper gerade halten soll, und mittels eines drehbaren Sitzes seine Hüfte geschmeidig halten kann.

Aber, ganz ehrlich: So was steht auch in meinem Fitnessstudio. Genauso wie die Crosstrainer, von denen im Park zwei mit Blick aufs Wasser aufgestellt wurden – sauanstrengend, die Dinger. Doch zwei ältere Damen treten an diesem Morgen mit so viel Schmackes in die sich dynamisch bewegenden Pedalen wie ich nur an meinen besseren Trainingstagen. Und auch der Beintrainer, auf dem man seine Beine vor und zurück schwingt, und der aus der Entfernung doch ein bisschen lustig anmutet, ist, das zeigt später der Selbstversuch, kein Selbstläufer.

Ja, unsere Alten sind erschreckend fit. Und dazu auch noch hip. Denn sobald die wackeren Damen die Cardiogeräte geräumt haben (vermutlich, um anschließend ’ne Runde über das Tempelhofer Feld zu surfen oder im Club der Visionäre abzuhängen) werden diese von den nachfolgenden Generationen in Beschlag genommen. So sieht man auf dem Seniorenspielplatz junge Frauen in rosafarbenen Shorts und mit Riesenkopfhörern an den Metallspielzeugen trainieren, junge Familienväter lassen den Fußball links liegen und pendeln mit ihren Söhnen lieber ein bisschen mit den Beinen.

Während die Anlage, gestiftet von dem Verein „Lebensherbst“, am Nachmittag also ausschließlich von Menschen deutlich unter 65 Jahren bevölkert ist, kommen zwei Herren Mitte 70 vorbei. Ausgestattet mit Pulsuhr und neonfarbenen Turnschuhen. Joggend. Als ihr Blick auf die Seniorengeräte fällt, winken beide müde ab. Solchen Kinderkram haben sie längst hinter sich gelassen.