Stilfrage

Äußerst geschmackvoll

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Der neueste Trend aus der Modeindustrie ist nichts für Kostverächter. Kleidung, die aus Nahrungsmitteln hergestellt wird. Eine schwierige Sache, zugegeben. Aus moralischer Sicht besonders. Ich rede jetzt nicht von Kreationen wie dem Fleischkleid von Lady Gaga, das sie bei den MTV-Awards 2010 trug und das sie und ihren damaligen Stylisten auf eine Schlag berühmt machte. Wohlgemerkt, es handelte sich dabei um feinstes Rindfleisch, dünn aufgeschnitten. Schon einen Anlass für so eine Kreation zu finden, ist nicht sehr einfach. Im Schrank hängen haben möchte man den Fetzen nicht wirklich.

Aber diese neue Art der Funktionskleidung findet ihren Weg in die Garderobe des Von-der-Stange-Käufers. Vor einiger Zeit stellte man mir Pullover vor, die aus Algen gestrickt waren. Keine günstige Angelegenheit. Ich glaube, ich war auch die Einzige, die im Showroom ohne nachzudenken an der Klamotte riechen musste. Ich fing mir einige schräge Blicke ein, aber man will doch in einem teuren Pullover nicht nach Fisch riechen.

Mittlerweile werden Sportsachen aus Mais hergestellt, und die neueste Erfindung aus Deutschland hat es sogar in die „New York Times“ geschafft. Aus Hannover kommt Kleidung aus saurer Milch. Ja, genau. Dazu benutzt „Qmilk“ das Protein Casein, das die Milch grob gesagt zum Stocken bringt. Danach passiert natürlich noch jede Menge. Am Ende fühlt sich der Stoff angeblich so an wie Seide. Und jetzt kommt das Beste: Sie können Ihre Kleidung essen. Die Inhaberin der Firma empfiehlt Erdbeeren zu ihrem Stoff. Für mich eine großartige Vorstellung: Mal wieder nicht geschafft einzukaufen? Ach, der Rock ist schon lange überfällig und sitzt eh nicht richtig, der wird jetzt verspeist. Nie wieder Fehlkäufe.

Noch besser: Abendkleider aus Getränken. Heute im Rosé-Kleid auf die Sommerparty, oder im Gin-Tonic-Hosenanzug auf den Business-Talk. Falls die Warteschlange an der Bar zu lang ist, einfach mal am Saum knabbern. Und wann kommt endlich der fluffig-cremige Softeis-Dress? Und stellen Sie sich mal vor, was das für Boutiquen werden? Niemand braucht mehr durch die Feinkostabteilungen streifen und sich zwischen teurem Schinken aus Bayonne und dem netten Oberteil entscheiden.