Zwischenmenschlich

Das Mutter-kein-Kind-Café

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

In Berlin soll bald das Pop-up-Restaurant „Eenmaal“ eröffnen. Dort wird es nur Einzeltische geben, die Gäste werden allein sitzen und essen. Die Idee stammt aus Amsterdam, was irgendwie komisch ist, weil es die seit Kindheitstagen unerschütterliche niederländische Exportreihe bricht: lustige Holzschuhe, lustige Käselöcher, lustiger Rudi Carrell – und nun allein zu Abend essen.

Wenn es darum geht, sich nicht unwohl zu fühlen, weil man einsam irgendwo rumsitzt, dann poppt diese Neuheit deutlich zu spät auf dem Gastromarkt auf. Oder wann haben Sie das letzte Mal jemanden verstohlen-mitleidig angeguckt, weil er ohne Begleitung in aller Öffentlichkeit eine Mahlzeit zu sich genommen hat? Einen unschlagbaren Vorteil sehe ich darin, Salat am Einzeltisch zu essen: Egal, wie klein man den schneidet, man macht dabei in Gesellschaft nie eine gute Figur. Doch was ist, wenn man an einem der anderen Tische einen Bekannten entdeckt? Sollte es ein unliebsamer sein, würde sich auch das als Vorteil erweisen, doch wenn man sich freut und gern etwas zusammen trinken würde, müsste man die Location wechseln. Und wenn man den Gast am Nachbartisch sympathisch findet, darf man den dann ansprechen? Vielleicht darf auch gar nicht gesprochen und nur per Fingerzeig bestellt werden, aus Respekt vor dem Einsiedlertum an den anderen Tischen.

Als Standort würde ich in jedem Fall Prenzlauer Berg empfehlen. Dann könnten die ganzen gestressten Mütter ihr Essen endlich mal wieder nur für sich alleine klein schneiden und auf die Gabel häufen. Quasi ein Mutter-kein-Kind-Café. Das „Eenmaal“ könnte auch paartherapeutisch interessant sein, niemand macht einen einsameren Eindruck als Paare, die zusammen an einem Tisch sitzen und nicht miteinander sprechen. Auch an anderer Stelle könnte dieses Ein-Personen-Ding ein echter Erfolg werden. In der U-Bahn zum Beispiel. Im Wartezimmer beim Hausarzt. Oder am Badesee. Ach, ich wäre in Berlin ganz oft gern mal allein. Komischerweise nur nicht beim Essen. Ich wette übrigens, sobald man das erste Mal ins neu eröffnete „Eenmaal“ kommt, kriegt man keinen Tisch, weil alle schon besetzt sind. Da kann man noch so alleine kommen. Dann heißt es, an der Tür warten. Mit den ganzen anderen.