Kochen

„Meist sind es interessante Zeitgenossen“

Daniel Grothues lädt in seiner Freizeit Fremde zu sich. Sonst kocht er für Bryan Adams, Michalsky und Schweighöfer

Daniel Grothues steht in seiner Küche in Prenzlauer Berg und rührt Lakritzmayonnaise an. Dafür hat er „Katzenpfötchen“ geschmolzen, für die auch schon Heidi Klum gegen entsprechende Gage geworben hat. Er gibt sie zum Lachs-Melonen-Tartar und streut etwas Kresse darüber. Dann serviert er den zehn Gästen, die in seinem Wohnzimmer sitzen, den ersten Gang. Menschen, die Grothues vor einer halben Stunde zum ersten Mal getroffen hat.

Daniel Grothues betreibt einen Supperclub. Eines von unzähligen Wohnzimmerrestaurants, die in Berlin in den vergangenen Jahren entstanden sind. Als er 2011 angefangen hat, fremde Menschen, die sich bei ihm per Mail für ein Fünf-Gänge-Menü angemeldet haben, in seiner Wohnung zu bekochen, gab es in der Stadt geschätzt zehn Supperclubs. Heute sind es rund 60, quer durch Berlin verteilt. Tendenz steigend.

Mehr als 15.000 Restaurants und Gastronomiebetriebe sorgen in der Hauptstadt für das Wohl ihrer Gäste. Dennoch ist die Nachfrage nach den halboffiziellen Wohnzimmerrestaurants hoch wie nie. „Daniel’s Eatery“ von Daniel Grothues ist eines davon. Das „Restaurant“ öffnet er nur an wenigen Wochenenden im Jahr. Wer sich per Mail anmeldet, muss schnell sein, denn die zehn Plätze sind begehrt. Die Bezahlung läuft auf Spendenbasis, rund 50 Euro sind der „empfohlene Beitrag“.

Warum Supperclubs trotz des großen gastronomischen Angebots in Berlin florieren, weiß Volker von Witzleben. Der gelernte Koch studierte Kulturanthropologie und schrieb seine Bachelorarbeit über das Phänomen der Untergrund-Restaurants. „Die Faszination der Supperclubs ist in erster Linie das Soziale“, erklärt von Witzleben den Trend, „dort kommen fremde Menschen zusammen und verbringen einen Abend in einem unbekannten Setting zusammen. Man kann sich hinter dem Essen verstecken, hat also eine Ablenkung. Gleichzeitig hat man die Chance, spannende Menschen kennenzulernen, weil die meisten Supperclub-Besucher meistens auch ganz interessante Zeitgenossen sind.“

An Daniels Tisch saßen schon viele „interessante Zeitgenossen“. Künstler, Professoren, Studenten. Oder auch Mitglieder eines norwegischen Wettklubs, deren promillehaltiges Gastgeschenk Grothues’ heute noch in Erinnerung ist. Oder eine Seniorin, die ihm kambodschanischen Pfeffer mitbrachte. An seinem Tisch wurden Freundschaften geschlossen – auch mit dem Gastgeber, der nicht nur in der Küche steht und fünf Gänge zubereitet – die Rezepte dafür hat er auf der ganzen Welt gesammelt –, sondern der sich auch gern selbst mit an den Tisch setzt.

Die Kreationen des Hobbykochs, der eigentlich aus dem Marketing kommt, finden so hohen Anklang, dass Grothues mittlerweile nicht nur Gäste in seinem Wohnzimmer kocht. Er ist auch als Privatkoch in Berlin unterwegs. Gebucht wird er über eine Internetplattform. Matthias Schweighöfer, Daniel Brühl, Michael Michalsky und sogar Bryan Adams haben ihn schon gebucht. Dennoch will Grothues, der sich sein Einkommen betreffend „nicht beschweren kann“, seine Wohnzimmer-Eatery nicht missen. „Es ist toll, so viele spannende Menschen kennen zu lernen und ihnen einen schönen Abend zu bereiten.“ Die meisten Berliner Supperclubs haben sich inzwischen aus der gesetzlichen Grauzone in die Legalität bewegt, ihre Betreiber zahlen Steuern und Versicherung – die Faszination des Verbotenen, Halblegalen, wie zu Beginn, ist fast vorbei. Supperclub-Experte Volker von Witzleben glaubt, dass die Clubs trotzdem weiter florieren und sich „als touristische Stadterkundungsmethode“ durchsetzen werden.