Deutschpop

Von der Uni in die Charts

Musiker Liam studiert an der UdK und schreibt Texte für andere Künstler. Das soll sich jetzt ändern

Ein bisschen sieht er aus wie der junge Abi Ofarim. „Hallo, ich bin Liam“, sagt der 23 Jahre alte Student, den wir an einem Sommertag vor dem Haupteingang der Universität der Künste (UdK) an der Hardenbergstraße treffen. Dort studiert er seit zwei Jahren Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation – zumindest von Montag bis Mittwoch. Den Rest der Woche verbindet ihn mit dem Sänger aus Israel mehr als das Aussehen: Liam ist Musiker, Abteilung Deutschpop.

Gerade ist seine erste Single „Herztattoo“ erschienen, ein Album ist in Arbeit. Dank einer Tour mit Frida Gold haben auf Facebook immerhin schon etwas mehr als 2000 User auf den „Gefällt mir“-Button seiner offiziellen Fan-Page geklickt. Doch dabei soll es nicht bleiben. „Ich wünsche mir mit meinem ersten Album deutschlandweite Aufmerksamkeit. Vielleicht auch in Österreich und der Schweiz. Das Ziel ist es nicht, megareich zu werden, aber es soll natürlich so erfolgreich werden wie möglich“, sagt Liam, der in Kirgisien geboren und in Detmold bei Bielefeld aufgewachsen ist. Schließlich arbeitet er an seiner Karriere schon seit Kindertagen.

„Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen.“ Das allerdings nicht ganz freiwillig, gibt er zu. „Mein Vater war selber Hobbymusiker, und ihm war das sehr wichtig. Ich habe es gehasst und wieder aufgehört.“ Erst mit zehn Jahren habe ihn dann die Muse geküsst: „Mit 13 ist noch Gitarre dazugekommen, und ich habe Gesangsunterricht genommen.“ Während der Schulzeit gründete er seine erste Band namens Arena, auf die durch eine Platzierung in den MySpace-Charts eine Plattenfirma aufmerksam wurde. Also packten Liam und sein bester Freund kurz vor dem Abitur die Koffer und machten sich auf nach Berlin. „Wir haben uns vorher ausgerechnet, wie oft wir fehlen dürfen. So waren wir die letzten drei Monate komplett weg und haben dann nur die Prüfungen geschrieben“, erinnert er sich. Das Abi schaffte er trotzdem, die Band löste sich hingegen schnell auf. Das war 2008. Seitdem ist Liam der Stadt und seiner Berufung treu geblieben, hat ein Studium begonnen und seine Identität als Solokünstler gesucht. „Es dauert ein paar Jahre, bis man sich findet, bis man ankommt und die Stadt auf sich wirken lässt“, sagt er.

Zu diesem Zweck hat Liam in den vergangenen Jahren schon fast in jedem Bezirk gewohnt. Seit Kurzem ist er in Friedrichshain heimisch geworden und genießt die Mischung aus alternativer Szene, Touristen und Zugezogenen. „Ich fühle mich in Berlin zu Hause. Ich finde, die Leute in Bielefeld sind denen in Berlin auch ein bisschen ähnlich, sehr offen. Bielefeld ist wie Berlin, nur ohne den ganzen Trubel und das 24/7-Feiern“, findet er. Nicht umsonst lebten in der Hauptstadt viele Künstler aus seiner Heimat. Casper zum Beispiel. „Wenn man dann hier ist, knüpft man schnell Kontakte und guckt, mit wem man Musik machen möchte“, sagt Liam. „Am Ende gibt es in Berlin einen sehr kleinen Kreis von Musikern, und jeder kennt jeden, wenn man lange genug Musik macht. Wenn man einmal verdrahtet ist, hat man die Möglichkeit, den wichtigen Leuten seine Sachen zu zeigen.“ Wichtige Leute wie Produzent Vincent Sorg, der schon mit den Toten Hosen gearbeitet hat, und Henning Verlage, Keyboarder bei Unheilig, die Liam für sein erstes Album mit ins Boot geholt hat.

Bis es für die eigene große Karriere reicht, schreibt Liam auch Texte für andere Künstler. Dank solcher Auftragsarbeiten habe er immerhin seinen Barjob im „Felix“ an den Nagel hängen können, der ihm in den ersten Berliner Jahren seinen Unterhalt finanzierte. Sein Studium tauge hingegen nicht als Plan B. „Ich weiß gar nicht, ob ich damit später überhaupt etwas anfangen kann. Ich will auf jeden Fall Musik machen“, sagt der Wahlberliner. Ein Musikstudium kam für ihn dennoch nie in Frage: „Als Songwriter ist es nicht so wichtig, sein Instrument perfekt spielen zu können. Da geht es darum, den Kopf ausschalten zu können und die Emotionen laufen zu lassen. Das kann einem niemand beibringen.“ Vielmehr reize ihn die Lektüre philosophischer und psychologischer Texte. „Ich bilde mich gerne in diese Richtung weiter, es hilft mir, Dinge anders zu sehen, auch Berlin anders zu sehen“, sagt er. Auch das Texteschreiben mache es leichter.

Seit zwei Jahren arbeitet Liam jetzt schon an seinem Debütalbum, das 2015 fertig sein soll. An erster Stelle steht dabei für ihn die Authentizität. Das heißt, deutsche Texte und autobiografische Inhalte. „Ich hoffe, dass meine Musik Emotionen transportiert“, sagt er. Das funktioniere am besten mit eigenen Erfahrungen. „Ich glaube, weil ich schon einige Dinge erlebt habe, die besonders sind“, erklärt er und meint damit vor allem den Umzug seiner Familie aus seinem Geburtsland Kirgisien nach Deutschland im Alter von sechs Jahren. „Ich kam damals aus einem Dorf, wo wir noch nicht einmal Toiletten hatten. Deutschland war für mich zuerst wie eine Cyberwelt. Der ganze Luxus, alles zur Verfügung zu haben, das war schon krass“, so Liam. „Und darum geht es in meinen Texten. Das, was ich erlebt habe und was mich dazu bewegt hat, Texte zu schreiben.“ Im Falle seiner ersten Single war das – wie so oft – eine unglückliche Liebesgeschichte.