Literatur

Sein Hund, ein wahrer Philosoph

Der Journalist Elmar Schnitzer hat mit seinem vier Jahre alten Rottweiler Kalle einen Bestseller geschrieben

Elmar Schnitzer seufzt tief, deutet auf sein neues Buch auf dem Tisch und sagt, fast schon entschuldigend: „Ja, ja, der Unruheständler hat es schon wieder getan.“ Doch seine Augen blinzeln listig, als er das sagt, und das liegt sicher nicht am Sonnenlicht, das die Dachterrasse seines Blankeneser Hauses in einen Backofen verwandelt. Seine linke Hand wandert nun nach unten, neben seinen Stuhl, wo Kalle vermeintlich rumdöst: dieser etwa 45 Kilogramm schwere Hund, der stark nach reinrassigem Rottweiler aussieht, aber glücklicherweise auch genug Dobermann und Labrador in sich vereint, um ihm und seinem Herrchen die ebenso gefürchtete wie wirklichkeitsferne amtstierärztliche Wesensprüfung zu ersparen. Die Kalle, nebenbei bemerkt, mit Sicherheit bestehen würde, sagt Schnitzer, und zwar allein schon deswegen, weil der Rüde in den letzten Wochen zum Medienstar avanciert ist und als sensibler Hund selbstverständlich spüre, dass die hinzugewonnene Popularität ihm nun einiges abverlangt; Benehmen, Gehorsam, Disziplin und nicht zuletzt bedingungslose Sanftmut. Was er mit einem kurzen Spaziergang am Elbstrand sichtbar unter Beweis stellt.

Andere Hunde, Kinder: Kalle schnüffelt interessiert, aber das war es auch schon. Lieber stürzt er sich in die Elbe, wobei er schnauft und prustet wie ein Wal. Die Binse „der tut nix, der will nur spielen“, bekommt so eine neue Bedeutung. Eine wahrhaftige.

Schnitzers Hand krault Kalles Nacken. Der Hund grunzt. Seine Augen verfolgen die schwarz-weiße Katze des Nachbarn, die ohne Einladung auf sein Revier herübergekommen ist und frech am Zaun entlang stolziert. Schnitzer nimmt seine Hand weg, zuckt die Schultern. Kalle gähnt gelangweilt. Herrchen weiß: Sein Hund ist der Mahatma Gandhi unter den Rottweilern.

„Kalle für alle“ ist Elmar Schnitzers zweites Buch über Hunde, genauer gesagt, über Rottweiler und noch genauer gesagt, über seinen zweiten Rottweiler. Der erste in Schnitzers Leben hieß Paul, war ein „Glücksfall“, aber starb viel zu früh an Krebs und hinterließ eine schmerzliche Lücke in Schnitzers mittlerweile 64-jährigem Leben, die weder seine Frau noch seine Enkelkinder schließen konnten. Er begrub Paul in seinem Garten, und wenn Schnitzer, von Haus aus ein knallharter Boulevardjournalist, der in seinen aktiven Berufsjahren so manche krasse „Bild“-Schlagzeile ersonnen hatte, sich an diese schweren Stunden erinnert, dann glitzert es verdächtig in seinen Augen. „Auch ein richtiger Mann darf weinen – wenn sein Hund stirbt“, hat Julie Burchill einmal geschrieben, die kongeniale Kolumnistin des britischen „Guardian“ und der „Sunday Times“.

Jetzt aber heißt es „Kalle für alle“. Einen ziemlich spektakulären Auftritt im Sat.1-Frühstücksfernsehen haben Herr und Hund bereits absolviert, der Hamburger Rocksänger Curthat auch gleich den passenden Song komponiert (Text: Elmar Schnitzer, natürlich) und auf Youtube ins Netz gestellt, und die Verkaufszahlen des zweiten Hundebuchs sind mehr als nur ordentlich. Wobei „Hundebuch“ leicht untertrieben ist: „Es geht ja auch nicht darum, was man mit seinem Hund vordergründig erlebt, sondern was das Erleben hintergründig in uns auslöst“, sagt Schnitzer, „es geht um die philosophischen und psychologischen Aspekte.“

Doch es brauchte ein Hundeleben (Paul), bis der Mensch Schnitzer begriff, „dass Hunde wunderbare Lehrmeister sind, wenn wir Menschen nur die Geduld aufbringen, ihnen zuzuhören. Denn sie sprechen mit uns: mit ihren Augen, mit dem Körper, aber auch durch ihr Tun und Handeln.“ So „sagt“ uns Kalle beispielsweise im 24. Kapitel: „Lebe im Hier und Jetzt, genieße den Moment und vermiese ihn dir nicht, indem du darüber nachdenkst, was dir der nächste Moment bringen könnte.“

Darauf muss man als Hund erst mal kommen. Elmar Schnitzer lächelt. „Durch Kalle habe ich neu gelernt, was ich schon fast verlernt hatte: dass es eben alles andere als selbstverständlich ist, was das Leben uns jeden Tag schenkt. Gesundheit, Familie, gute Freunde; es ist eben das Kaleidoskop des kleinen Glücks, das in Wahrheit unser größtes Glück ist, wenn wir es denn erkennen. Hunde sind uns Menschen diesbezüglich jedoch weit voraus.“