Zwischenmenschlich

Das Warten auf eine bessere Welt

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es ist eines der letzten Mysterien der Großstadt. Eines, das nur Eingeweihte verstehen und das sie geradezu sektenartig ausleben. Diese kleine, eingeschworene Gemeinde, die etwas wissen muss, das wir Vorbeilaufende nicht verstehen, etwas Großartiges, Einmaliges, zu dem wir keinen Zugang haben, weil wir gar nicht wissen, dass es sich dort verbirgt. Was sonst sollte Gruppen von Berlinern dazu bringen, sich jeden Sonnabendmorgen an verschiedenen Stellen in der Stadt zu versammeln und gemeinsam zu warten, schweigend?

Es können doch nicht bloß Filialen einer großen Warenhauskette mit den acht blauen Buchstaben sein, vor denen diese Menschen wirklich jedes Wochenende deutlich vor der Öffnungszeit rumstehen und hoffen, dass die Ladentüren aufgeschlossen werden. Hinter diesen muss sich einfach mehr verbergen als Bettwäsche, Kochtopf-, Koffer- und Kosmetiksets, Naschkram zum Selbstabfüllen sowie Verkäuferinnen mit Strick-Twinsets und am Band vor der Brust baumelnder Lesebrille. Sonst würden die das doch nicht machen, Menschen jeden Alters – nicht bloß ältere Damen, die eh schon seit sieben Uhr wach sind und ihre Einkäufe niemals montagvormittags in leeren Geschäften erledigen, sondern nur am Wochenende, wenn richtig schön was los ist.

Für diese kleinen Gruppen muss sich mit dem Aufschließen der Glastüren auch die Pforte zu einem besseren Ort öffnen. Quasi zu einem Tempelhofer Feld, auf dem alle Menschen einer Meinung sind und in kleinen Bächen Honig fließt, während alle anderen, die später kommen, also zur regulären Öffnungszeit, nach dem Eintreten nur bei den Haushaltswaren landen.

Oder ist es schlicht so, dass sich die ersten zehn Kunden an jedem Standort kostenlos in der Kurzwarenabteilung bedienen können und danach von Nicolas Berggruen im hauseigenen Restaurant zum Brunch eingeladen werden?

Ich habe vor, das jetzt herauszufinden. Kommenden Sonnabend bin ich auch da, wenn es sein muss, übernachte ich vor der Tür. Ich will wissen, worauf unsere Mitbürger warten. Und nächstes Mal schreibe ich diese Kolumne dann aus dem Paradies. Oder aus der Badezimmerabteilung.