Benehmen

Knigge zum Mittag

Gesellschaftspräsidentin Tosca Freifrau von Korff über Tischkatzen, Bushido & Vorbilder

Die Präsidentin der Knigge-Gesellschaft für moderne Umgangsformen, Tosca Freifrau von Korff, wohnt in Hermsdorf. Zum Gespräch über Benimm, Bushido und Berlin kommt sie zum Salat ins „Reinhard’s“ an den Kudamm.

Berliner Morgenpost:

Jetzt muss ich mich wohl benehmen.

Tosca Freifrau von Korff:

Meinen Sie, es sei anders, mit mir essen zu gehen als mit anderen Interviewpartnern? Das wäre schrecklich, wenn Sie nun nicht Sie selbst sein könnten. Dabei ist viel wichtiger als die Etikette, dass man sich gut fühlt bei Tisch, sich gut unterhält.

Ja, dann mal los. Welche Tischregel wird oft vergessen?

Es gibt unheimlich viele Knigge-Regeln, gerade bei Tisch. ,Prost‘ ist etwas für das Bierzelt. Man stößt nicht mehr an, man betrinkt das Glas von einer Seite. Und eine Regel besagt, wenn man isst, sollte vor uns eine schmale Hauskatze Platz nehmen können und hinten eine kleine Maus. Das ist der richtige Abstand.

Fragt sich nur, was man unter schmaler Hauskatze versteht. Sofern man nur fette Katzen kennt. Ich habe einfach Hunger, ehrlich gesagt.

Der Gastro-Knigge ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was wirklich wichtig ist. Mir geht es mehr um das Miteinander. Dort sind gute Umgangsformen viel wichtiger. Als ich eben aus der S-Bahn ausgestiegen bin, kümmerte sich keiner darum, dass man die Menschen erst aus-, dann einsteigen lässt. Das sind so Momente, wo ich denke: interessant.

Interessant, oder unerhört?

Es regt mich nicht mehr auf, dafür sehe ich es zu oft. Es stimmt mich eher nachdenklich. Wohin führt das Ganze? Wenn wir Erwachsene es so vorleben, wie können wir uns dann Respekt und Höflichkeit von unseren Jugendlichen wünschen? Ich finde, es ist wichtig, dies aus dem Elternhaus mitzubekommen – und wenn das nicht möglich ist, ist es wichtig, dass man es später nachholt.

Matschen am Tisch ist für Ihre Tochter nicht erlaubt?

Drei Regeln am Tisch reichen für eine Sechsjährige völlig aus. Deswegen dürfen auch mal die Finger im Essen sein. Kinder sollten nicht schmatzen oder die Ellenbogen auf den Tisch legen, aber dressieren sollten wir sie nicht.

Wie wird man Präsidentin der Knigge-Gesellschaft für moderne Umgangsformen?

Wir haben unsere Gesellschaft vor vier Jahren gegründet. Heute bieten wir unseren Mitgliedern einen Newsletter, wir beantworten Fragen, organisieren Charity-Aktionen. Zuvor war ich Vizepräsidentin der deutschen Knigge-Gesellschaft. Aber nach einer internen Auseinandersetzung haben sich unsere Wege getrennt.

Sie können streiten, toll! Worum ging’s?

Um das Thema „Darf man eine Beziehung per SMS beenden, oder nicht“. Das war der Auslöser. Dass dies in Ordnung sein soll, damit konnten ich und andere Mitglieder sich nicht identifizieren.

Sodass Sie eine eigene Gesellschaft gegründet haben. Mit „Knigge-Trainern“.

Ja, von der IHK zertifizierte Business-Etikette-Trainer. In unserer Gesellschaft gibt es 23 aktive, 800 passive Mitglieder.

Welcher Berliner tritt vorbildlich auf?

Mir fällt ad hoc kein Prominenter aus Berlin ein, der sich ausschließlich vorbildlich benimmt. In der Morgenpost habe ich ein Interview mit Jan Delay gelesen, der findet Graffiti ganz toll. Das ist meistens Sachbeschädigung. Da schlucke ich schon. Das bekommen Jugendliche mit, wenn er so etwas sagt. Solche Äußerungen verwundern mich.

Überlegt Bushido, was er mit bestimmten Songtexten und Äußerungen auslöst?

Ich weiß es nicht. Aber ganz ehrlich: Ich würde ihn wirklich gern selbst fragen. Ich würde mich gerne mal mit ihm zum Gespräch treffen. Welche Werte hat er? Das, was Peer Steinbrück gemacht hat, finde ich spannend. Zuerst den Stinkefinger zeigen – und dann aus dem Knigge vorlesen. Scheinbar konnte er sein Tun selbst so nicht stehen lassen. Ich finde es gut, dass er sich mit der zweiten Aktion zu rehabilitieren versucht hat.

Wenn es auch „Knigge-Botschafter“ gäbe, wen würden Sie dazu ernennen?

Guido Maria Kretschmer. Er ist sehr präsent momentan. Aber wodurch fällt er auf? Nicht nur dadurch, dass er tolle Mode macht, sondern dadurch, wie er mit Menschen umgeht. Sehr wertschätzend, nicht erniedrigend, nicht diskriminierend.

Und wann vergessen Sie mal alle Regeln?

Das gibt es nicht, dass ich das völlig abschüttele.