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„Wir hatten nichts zu essen, aber wir hatten Musik“

Mit den Berliner Philharmonikern startete er. Morgen feiert Justus Frantz seinen 70. Geburtstag

Er spielte als Pianist mit Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, gründete das Schleswig-Holstein-Musikfestival und leitet seit 1995 die Philharmonie der Nationen: Dirigent Justus Frantz wird am Sonntag 70 Jahre alt. Gerade erst kommt er von Konzerten in Armenien, China, Russland und England zurück. Ob er noch immer nicht ans Aufhören denkt? „Das wäre das Ende“, sagt Frantz. Nachdem er 2013 die Leitung des israelischen Orchesters Sinfonietta Beer Sheva übernommen hat, werden wohl noch zwei weitere Orchester dazukommen. Eins davon in China – über das andere Orchester kann Frantz noch nicht reden.

Am Dienstag wird er in Berlin erwartet. Zu einem Galakonzert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu seinen Ehren und Gästen wie dem russischen Botschafter Wladimir Grinin, den Ministern a. D. Otto Schily, Norbert Blüm und Franz Josef Jung sowie Sängerin Vicky Leandros und Unternehmer Michael Otto. Sie alle wollen ihm persönlich gratulieren.

Geboren 1944 im schlesischen Hohensalza (heute: Inowroclaw/Polen), floh seine Mutter mit ihm und den vier Geschwistern Ende des Zweiten Weltkriegs nach Norddeutschland. Sein Vater, ein Oberstaatsanwalt in Breslau, wurde wegen eines Gerichtsurteils gegen einen Judenmörder zu einer „Bewährungskompanie“ an die Front abkommandiert und fiel dort vier Monate vor seiner Geburt. Freunde der Familie im holsteinischen Tesdorf machten den kleinen Justus mit der Musik vertraut, organisierten Hausmusikabende, stellten ein Kammerorchester zusammen. „Wenn alles weg ist, muss man irgendwie innere Größe bewahren, um mit der Situation fertig zu werden“, erinnert sich Justus Frantz. Dabei habe ihm die Musik geholfen, über die schwere Nachkriegszeit hinwegzukommen. „Wir hatten nichts zu essen, hatten kein Geld für Schuhe – aber wir hatten die Musik, ein ganz großer Besitz.“ Da er selbst kein Instrument spielen konnte, fühlte er sich ein wenig ausgeschlossen. „Das hat in mir den Ehrgeiz geweckt, auch dazuzugehören.“ Sein neunjähriger Sohn Justus Konstantin aus seiner zweiten Ehe mit der russischen Geigerin Xenia wird es da mal leichter haben. Er hat schon mit vier Jahren mit dem Klavierspielen angefangen und gerade den 1. Preis bei einem Klavierwettbewerb gewonnen.

Nach seinem Studium an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater startete Frantz seine Weltkarriere. Der Durchbruch in die internationale Spitzenklasse gelang ihm mit 26 Jahren als Pianist mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan. Sein Debütkonzert in den USA absolvierte Frantz 1975 bei den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von Leonard Bernstein, mit dem ihm eine lebenslange Freundschaft verband. Einem breiten Publikum wurde Frantz seit 1990 durch mehrere eigene Fernsehsendungen bekannt, darunter „Achtung, Klassik!“ (ZDF), für die er mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde.

Als Frantz für seinen Freund Christoph Eschenbach auf Gran Canaria einsprang, entdeckte er seine Liebe zu der Kanaren-Insel und baute dort das Anwesen „Casa de los Musicos“, wo alljährlich sein „Finca-Festival“ stattfindet. Dort wurde bei Gesprächen mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt und dem damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel die Idee des Schleswig-Holstein-Musikfestivals (SHMF) geboren, dessen Intendant er 1986 wurde. Sein Nach-Nach-Nachfolger, Intendant Christian Kuhnt, gratuliert Frantz in der Berliner Morgenpost: „Wie keinem in Deutschland vor ihm gelang es Justus Frantz, mittels seines Künstlertums und seiner kommunikativen Kraft ein Publikum in die Konzerte zu locken, dem die Musentempel bis dahin weitestgehend verschlossen blieben. Dass Justus Frantz nun seinen 70. Geburtstag feiert, bietet uns eine gute Gelegenheit, ihm etwas laut zuzurufen: Danke! Und Happy Birthday!“