Fernsehen

„Als echter Kostja vor der Kamera“

In der Doku-Fiction „Junges Deutschland“ begibt sich Kostja Ullmann auf eine Zeitreise

Für Geschichte hat sich Kostja Ullmann schon immer interessiert. Es sei sogar eines seiner Lieblingsfächer gewesen, sagt der junge Schauspieler und lacht. „Und das, obwohl ich nicht einmal gut darin war.“ Doch wahrscheinlich war das genau der Grund – das rege Interesse an der Vergangenheit. Deshalb hat wohl Regisseur Jan Hinrik Drevs den 29-Jährigen für seine Doku-Fiction-Produktion „Junges Deutschland: 100Jahre Lebensgefühl“ verpflichtet.

Gemeinsam mit Anna Maria Mühe, 28, begibt sich Ullmann auf eine Zeitreise und wandelt auf den Spuren von Jugendlichen vergangener Generationen. Die beiden Schauspieler lesen Tagebücher, Briefe und Aufsätze junger Deutscher. Bei allen handelt es sich um Original-Dokumente aus historischen Sammlungen und Archiven. Dazwischen werden sie in Filmsequenzen immer wieder selbst zu den jungen Menschen, die sie zitieren. „Es war wirklich toll, bei diesem Projekt so tief in die Geschichte einzutauchen und die Möglichkeit zu bekommen, Menschen aus anderen Generationen so nah zu kommen“, sagt Ullmann begeistert. „Es ist ein riesiges Privileg, so intime Gedanken erfahren zu dürfen.“

Doch das war für den Schauspieler nicht die einzige besondere Erfahrung während der Produktion. Zwischen den Szenen, in denen Ullmann unter anderem einen Kriegsfreiwilligen im Kaiserreich, einen Widerständler während der Nazizeit oder einen Punk in den 80er-Jahren spielt, lernt das Publikum ein Stück weit den Schauspieler selbst kennen. „Es war zunächst ein bisschen unheimlich, wirklich als Kostja vor der Kamera zu stehen und mich nicht hinter einer Rolle verstecken zu können“, sagt er. „Direkt in die Kamera zu sprechen, ist etwas, was ich sonst nicht gewohnt bin.“

Doch Kostja Ullmann wirkt glaubwürdig in all diesen Szenen, was nicht zuletzt daran liege, dass er und Anna Maria Mühe bereits ein eingespieltes Team seien, so der Schauspieler. Gleichzeitig habe er sich gefreut, dass er in einigen belastenden Momenten wirklich er selbst sein durfte. „Besonders bewegt haben mich Briefe von jungen Menschen, die sich von ihren Eltern verabschiedet haben, weil ihnen ihr Schicksal in den Konzentrationslagern bewusst war“, sagt Ullmann. „Das waren noch Kinder in manchen Fällen. Da war ich auch irgendwie froh, keine Rolle spielen zu müssen, sondern authentisch darauf reagieren zu können.“

Die viel intensivere Vorbereitung – als die des Auswendiglernens von Texten – war bei diesem Projekt für ihn eher eines: das Einlesen ins Thema und das Beschäftigen mit der Geschichte an sich. „Ich war am Anfang skeptisch, ob ich mir innerhalb so kurzer Zeit so viel Wissen aneignen könnte, um dieses Projekt gewissenhaft mitzutragen“, gibt der Schauspieler zu. Am Ende habe es jedoch „einfach nur Spaß gemacht“. Für Regisseur Drevs waren jedoch gerade diese Unbedarftheit und die kleinen Wissenslücken der Schauspieler ausschlaggebend. „Es war uns wichtig, niemals zu verschweigen, dass Anna Maria und Kostja Schauspieler und keine Geschichtsexperten sind“, so der Regisseur. „Ehrlichkeit in diesen Dingen gehört meiner Meinung nach genauso dazu wie eine gründliche Recherche.“

Spätestens seit dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der im vergangenen Jahr für viel Diskussionsstoff in der Gesellschaft gesorgt hat, scheint Geschichte wieder in Mode zu kommen. Und Kostja Ullmann ist sich sicher, dass es gerade diese Herangehensweise an historische Themen ist, die den Film für die breite Masse interessant macht. „Ich glaube, das Genre ,Doku-Fiction’, zu dem ich den Film zählen würde, verarbeitet schweren Stoff so, dass man ihn leicht verstehen kann und er somit attraktiver für viele Zuschauer wird“, sagt er. „Der Film ist für die ganze Familie gedacht. Ich glaube, dass jeder sich wiederfinden kann.“

Auch der 29-Jährige möchte den Film mit seiner Familie schauen und ist gespannt, ob sich daraus weitere Gespräche entwickeln. Immerhin spiele Geschichte im Hause Ullmann schon immer eine große Rolle, verrät der Schauspieler, der die Feiertage in Spanien verbringt. „Mein Großvater ist aus der russischen Kriegsgefangenschaft nicht zurückgekommen, und mein Vater hat schon viele Nachforschungen angestellt, was wohl mit ihm passiert ist.“ Und in welche Zeit würde der 29-Jährige selbst einmal reisen wollen? „Vielleicht würde ich gerne einmal in die Zeit der 50er- und 60er-Jahre reisen, die Zeit, in der meine Eltern aufgewachsen sind. Toll wäre es natürlich, sie auch beobachten zu können“, sagt er. Treffen, so wie im Film „Zurück in die Zukunft“ mit Michael J. Fox, müsste er seine Eltern allerdings nicht.

„Junges Deutschland: 100 Jahre Lebensgefühl“, Montag, 21. April, 18.30 Uhr, ARD