Konzert

„Sieh zu, dass Du rockst!“

Tori Amos ist in Berlin. Bei einem exklusiven Konzert stellt die 50-Jährige ihr neues Ich vor

Die Tür fliegt auf und ein zierliches Mädchen mit langen roten Haaren und einer überdimensionalen, runden Brille auf der Nase eilt herein. Die Tasche unter den Arm geklemmt, in der rechten Hand einen Iced Latte balancierend, wie eine Studentin, die zu spät zur Vorlesung kommt. „Hi“, ruft sie freudestrahlend und streckt den Arm aus, unter dem die Tasche klemmt: „Schön, dich kennen zu lernen! Ich bin Tori Amos!“

Interviewtermin im Hotel „Grand Hyatt Berlin“ mit Tori Amos, international gefeierte Popsängerin mit neuem Album. 50 Jahre ist sie alt. „Natürlich“, antwortet die Sängerin und Pianistin auf die Frage, ob das mit dem Alter und dem Album nicht ein Widerspruch in sich sei, „hat man es mit 50 in dieser Branche nicht so leicht. Eine neues Album herausbringen und dann auch noch Pop – das ist eher das Alter für eine ‚Greatest Hits’-Platte. Da wird gesagt: Über was willst du mit 50 denn singen? Das Omawerden? Die Menopause? Das ist nicht sexy!“

Großmutter ist Tori Amos noch lange nicht. Ihre Tochter Natashya, die aus eigenem Willen ein Internat in London besucht, „wo sie gemerkt hat, dass Hogwarts nicht existiert“, ist 13 Jahre alt. Und hat Tori Amos, die in den 90er-Jahren mit ihren lyrischen, teilweise feministischen und gefühlsbetonten Texten bisher die größten Erfolge gefeiert hat, vor einem Jahr aus der Krise geholt. „Auf dem Weg des Lebens gibt es viele holprige Abschnitte“, sagt Tori Amos, die mit ihrem Mann Mark Hawley in Cornwall, Irland und Florida lebt und in North Carolina als Myra Ellen Amos geboren wurde. „Jede Etappe der Straße hat ihre Unebenheiten. Als ich 49 war, vor einem Jahr, befand ich mich gerade auf einem sehr holprigen Abschnitt. Mich hatte der Mut verlassen. Da sagte meine Tochter zu mir: Was bist du denn für ein Vorbild? Was willst du denn machen? Von deinen Songs aus den 90ern leben und Märchen erzählen? Sieh zu, dass du da raus kommst. Rock das Ding!“ Tori Amos hat es getan. „Unrepentant Geraldines“ heißt ihr 14. Album, das am 9. Mai erscheint. Statt Menopause und Omawerden thematisiert Tori Amos in 14 Songs hauptsächlich das, was Jung und Alt gleichermaßen bewegt: die Liebe. Enttäuscht, ausgenutzt werden und die Konflikte, die das Dasein als Frau mit sich bringt, ziehen sich dabei in gewohnter Amos-Manier durch ihre Songs, aber auch Satan oder die NSA werden thematisiert. Von ihren Fans wird das Album bereits sehnlichst erwartet. Nachdem sich Tori Amos in den vergangenen Jahren vermehrt der klassischen Musik zuwandte, hat sie nun ein poppiges Album herausgebracht. Das sei ungewöhnlich, sagt sie, als Singer-Songwriter habe man es da besonders schwer, die Plattenindustrie zu überzeugen. Sie wolle nicht sagen, dass die Dance Diven wie Kylie Minogue nicht auch ihr Päckchen zu tragen hätten, aber die würden ihre Songs dann eben mit angesagten Künstlern wie „will.i.am“ oder Armand van Helden aufpeppen und sie damit massenkompatibel machen.

Bei einem Showcase, das der Plattenverleih Universal am Dienstag in exklusiver Runde im Restaurant des „The Grand“ an der Hirtenstraße stattfinden ließ, kam das neue Werk der Songwriterin und Pianistin auch ohne Hilfe jugendaffiner Künstler gut an. Obwohl sich Amos, seit Jahren erfolgreich im Geschäft, durch die anwesenden Pressevertreter etwas verunsichert fühlte: „Das war in einem Raum, der sehr schön war, aber klein. Deswegen konnte ich jeden im Publikum erkennen. Auf einer großen Bühne, mit hellen Scheinwerfern hast du mehr Anonymität. Medienleute bringen schon einen anderen Vibe mit, die muss man erst mal überzeugen. Es ist etwas anderes, ob man für Leute spielt, für die ein Konzert etwas Besonderes ist und die sagen: ‚Ich bin offen für alles, nimm mich mit mit deiner Musik.‘ Die haben einen ganz anderen Ausgangspunkt, sind vielleicht von weit her angereist, für die ist so ein Konzert ein Event. Journalisten aber sehen mehrere Konzerte die Woche. Die kommen dann eher mit der Einstellung an: ‚Du glaubst, du kannst mich irgendwo hin mitnehmen? Nee, ist klar. Die ist 50 Jahre alt, die braucht doch sicher Sauerstoff, bevor sie auf die Bühne geht, ha ha‘. Die gilt es erst mal zu überzeugen.“ Man solle sich aber von den Leuten nichts einreden lassen, rät Tori Amos: „Wenn du vor dem Spiegel stehst, sagst du ja nicht: Ich bin 50 Jahre alt. Du siehst das, was du in deinem Leben erreicht hast, all das hat dich geformt. Und jetzt, jetzt baue ich halt eine neue Form, errichte eine ganz neue Kathedrale.“ Diese neue „Kathedrale“ will Tori Amos am 20. Mai im Tempodrom vorstellen. Vielleicht kommt sie dann dazu, sich Kunst-Bände anzuschaffen. Seit einer Woche ist Tori Amos bereits in Berlin und hat es zeitlich einfach nicht geschafft: „Ich habe, Entschuldigung, ich hatte gerade einen Blackout, es waren einfach zu viele Interviews heute. Ich wollte sagen, ich gebe etwa 18 Interviews pro Tag. Ich komme leider nicht dazu, Berlin anzuschauen. Aber ich möchte mir so gern ein Museum ansehen und mir Kunstbände besorgen. Die Kunst hier ist bestimmt sehr besonders, ich meine, Berlin war eine lange Zeit eine Insel! Poetisch gesehen eine Insel mit Land drum herum. Das ist einzigartig. Das muss doch etwas Spezielles hervorbringen!“ Tori Amos ist leidenschaftliche Sammlerin von Kunstbänden, die sie mit auf ihre Reisen nimmt und dort als Inspirationsquelle für Projekte nutzt. Wenn „Unrepentant Geraldines“ so erfolgreich wird, wie ihre Werke aus den 90er-Jahren, dürfte aber auch im Mai wenig Zeit für Tori Amos übrig bleiben, um in Berlin ihre Kunstsammlung aufzustocken. Und wenn es nichts wird, mit dem Erfolg? Dann baut sie sich eben eine neue Kathedrale.