Kleinkunst

Die Knallerfrau, die Künast kann

Martina Hill über die Kunst der Parodie und den Wunsch, im Alltag auszurasten

Ihr Job ist es, das zu tun, was der Normalbürger eigentlich vermeiden will: sich lächerlich zu machen. Und wenn es dann doch passiert, möchte man wenigstens, dass so wenig Menschen wie möglich etwas davon mitbekommen. Bei Martina Hill ist es – jobbedingt – genau anders herum. „Natürlich hat niemand so wirklich Lust, sich vor versammelter Mannschaft zu blamieren“, sagt die Schauspielerin und lacht. Martina Hills Glück ist es, dass sie genau dadurch alles andere als unattraktiv wirkt, was sicherlich ihre Professionalität geschuldet ist, dank der sie zu Deutschlands erfolgreichsten weiblichen Comedians gezählt werden kann.

Am morgigen Freitag startet bei Sat.1 (22.30 Uhr) die neue Staffel ihrer Sketch-Comedy „Knallerfrauen“, die 2011 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Wie schon in der Vergangenheit ist Martina Hill dort mit Kollegen wie Claus Dieter Clausnitzer, Maja Beckmann, Matthias Deutelmoser und Anna Schäfer in Alltagssituationen zu erleben, aus denen die 39-Jährige auf skurrile Art ausbricht – meist so, wie man es niemals erwarten würde. „Bei mir wird oft vorausgesetzt, dass ich privat auch so hemmungslos und mutig wie in den Sketchen bin. Bin ich aber gar nicht und natürlich verhalte ich mich privat nicht so wahnsinnig wie meine Figuren in den ‚Knallerfrauen‘-Sketchen“, sagt Martina Hill und schiebt noch schnell ein „jedenfalls nicht ganz so“ hinterher.

Doch warum steht das Publikum auf eine Hausfrau, die ihren Mann um den Verstand bringt? Auf eine Mutter, die ihrem Kind einen Wischmopp umbindet, um sich das Putzen zu erleichtern? Die derzeit wohl beliebteste Vertreterin der deutschen Comedy hat dafür eine ganz einfache Erklärung. „In der Sendung bewegen wir uns in der Regel in ganz alltäglichen Situationen, in denen alles um mich herum eigentlich ganz normal ist“, sagt sie. „Nur ich schlage über die Stränge und benehme mich daneben. Vielleicht erkennen sich viele Zuschauer in dem ein oder anderen Sketch ein bisschen wieder und würden insgeheim auch gerne mal so reagieren.“

Ihren Durchbruch hat Martina Hill der erfolgreichen ProSieben-Serie „Switch Reloaded“ zu verdanken, in der seit 2007 das deutsche Fernsehen und seine Protagonisten parodiert werden. Dort schlüpfte sie beispielsweise in die Rolle von Heidi Klum und nimmt „Germany’s next Topmodel“ aufs Korn. Natürlich ist ihre Version komplett überspitzt – und doch so wahr. Mit fiepender Stimme katapultiert sie ihre Kandidatinnen aus der Sendung und macht ihre Jury-Kollegen nieder. Genau so überzeugend spielt sie Charaktere wie die ZDF-Moderatorin Gundula Gause, die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl, die Power-Blondine Daniela Katzenberger und die Grünen-Politikerin Renate Künast. „Switch Reloaded war bisher eine riesige Spielwiese, auf der ich mich austoben konnte. Jede neue Figur ist erst mal eine Herausforderung, weil man nie weiß, wohin die Reise geht und wie gut die Parodie am Ende gelingt“, erklärt Martina Hill. „Bei Daniela Katzenberger und Renate Künast zum Beispiel hatte ich von Anfang an große Lust und ein gutes Gefühl.“ Anders sei es bei Anja Kohl gewesen, die heute einer ihrer Parade-Charaktere ist. Ein Redakteur habe ihr die Rolle vorgeschlagen – was der Komikerin zuerst als unlösbare Aufgabe vorkam. Davon ist heute jedoch nichts mehr zu spüren, wenn Hill die Brünette mit den weit aufgerissenen Augen und den wirren Haaren auf dem Frankfurter Börsenparkett durchdrehen lässt.

„Um jemanden zu parodieren, muss man ihn beobachten. Und zwar sehr intensiv. Man konzentriert sich dabei besonders auf die Gestik, die Mimik, die Körperlichkeit und den Sprachduktus der Person“, erklärt Hill, die in Berlin Schauspiel studiert und irgendwann gemerkt hat, dass sie das Talent besitzt, Leute zum Lachen zu bringen. „Meistens höre ich einfach auf meinen Bauch und kann oft gar nicht erklären, warum ich etwas witzig finde oder eben nicht. Das ist für mich weniger Theorie als mehr Gefühl und Intuition.“ Übel genommen habe ihr die Parodie bisher noch niemand – ganz im Gegenteil. Sie habe sich immer gefreut, Leute aus ihrem Repertoire auf Veranstaltungen zu treffen, sagt sie. Angst, selbst einmal Opfer eines Kollegen zu werden, hat sie nicht – eine Knallerfrau wie sie kann auch über sich selbst lachen.