Zwischenmenschlich

Sexmus Ronny oder Sunshine?

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Am Wochenende hat mir ein sehr guter Freund erzählt, dass er Vater wird. So etwas ist natürlich ein ganz besonderer Moment, doch nach der ersten Rührung, herzlichsten Glückwünschen und Erkundigung nach dem Gesundheitszustand der werdenden Mutter („Gut, gut, Stimmungsschwankungen hatte sie ja vorher schon...“), landet man automatisch bei zwei Fragen: Was wird es wohl (außer Hauptsache gesund)? Und: Wie soll es heißen?

Nun gehen Paare mit der Namensherausforderung unterschiedlich um. Da gibt es die, die sich längst auf einen Namen festgelegt haben (vermutlich schon während der Zeugung), daraus aber bis zur Geburt ein Staatsgeheimnis machen, als handele es sich um den britischen Thronfolger. Andere, wie eine frühere Kollegin von mir, sprechen dagegen bereits ihren Bauch mit dem ausgewählten Namen an („Paul, jetzt hab ich deinetwegen schon wieder Sodbrennen“) – was für Freunde aber den Vorteil hat, dass sie das mit den Initialen handbestickte Kuschelkissen aus Bio-Lammfell schon vor der Geburt in dem süßen Laden in Prenzlauer Berg in Auftrag geben können.

Vor ein paar Monaten hatten der werdende Vater und seine Freundin noch über ein anderes Pärchen gefeixt, das im Café über gleich zwei dicke Vornamensbücher gebeugt saß und gefühlt jede zwei Seite mit einem Post-it markierte. Jetzt, wo er selbst das Kind beim Namen nennen muss, kam das Lächeln darüber ein bisschen gequält.

Zum Glück berichtete ein anderer Freund von der beliebten Methode, einen Spaziergang über den Dorotheenstädtischen Friedhof zu machen und sich von den Namen auf den Grabsteinen inspirieren zu lassen. Die Berliner Standesämter lehnen ja auch kaum noch Namen ab, solange die Wahl „kulturell oder familiär begründet“ ist. So wächst hier die kleine Chanel mit ihren Freunden Sunshine, Phoenix, Peng, Joke und Amazon auf. Der Vorname Berlin ist da ja schon fast ein Klassiker. Allerdings ist das nichts gegen Hamburg, die Geburtsstadt des Kindsvaters. Dort hat ein Standesamt jüngst die Namen Sexmus Ronny, Don Armani Karl-Heinz und Camino Santiago Freigeist zugelassen. Dann doch vielleicht lieber der Friedhof.