Zwischenmenschlich

Gespaltene Persönlichkeiten

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es war abzusehen. 28 Jahre Teilung können nicht spurlos an einem vorüber gehen. Und so müssen wir jetzt, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, feststellen: Der Berliner (der gebürtige) ist eine gespaltene Persönlichkeit. Er ist gar kein rumstänkernder Stinkstiefel. Also schon, aber nur zum Teil. Auf der anderen Seite ist er eine Ausgeburt an Freundlichkeit, höflich und hilfsbereit.

Anders zumindest kann ich mir das Verhalten des Callcenter-Mitarbeiters der Berliner S-Bahn nicht erklären. Ich wollte da erst gar nicht anrufen, nachdem mir eine Mitarbeiterin im Service-Center mal aus lauter Boshaftigkeit fast die Hand in dieser Schublade unter dem Schalterfenster gebrochen hätte („Wat soll det heißen, Sie ham keen Formular? Wat stehn Se dann hier? Ohne Formular jeht hier jar nüscht!“). Der Herr von der Hotline war zunächst ähnlich charmant: Wat ick mir denn dabei denken würde, ihn ’n zweetet Mal zu fragen, ob meene Umweltkarte nich doch bald ausloofen würde – selbstverständlich nich, so ’ne Chipkarte sei ewich jültich, det wisse ja selbst ’n Sonderschüla aus Marzahn, und überhaupt, ständich diese doofen Fragen!

Warum er dann trotzdem in meinen Account geguckt hat, keine Ahnung, aber es brachte seine zweite, seine Sonnenseite zu Vorschein. Meine Karte war nämlich tatsächlich nur befristet gültig – und er hörte gar nicht mehr auf, sich zu entschuldigen, verfiel sogar ins nahezu akzentfreie Hochdeutsch: „Es tut mir so leid, dass ich Ihnen nicht geglaubt habe, ich kann mich nur in aller Form ... das ist mir jetzt wirklich unangenehm ... ich würde Ihnen ja sofort ’ne neue Karte, wenn ich könnte ... aber ich gebe Ihnen die Adressen ... oder lieber im Netz? ... warten Sie, ich sage Ihnen Ihre Vertragsnummer, die weiß doch immer keiner ... so, also dann, und entschuldigen Sie noch mal.“

Wenn Sie also das nächste mal von einem Berliner angepöbelt werden, seien Sie gewiss: Im nächsten Moment wird er einer alten Frau über die Straße helfen, einen Baum umarmen und eine Gruppe britischer Rucksacktouristen zu sich nach Hause zum Essen einladen. Nur für die Frau am Service-Schalter würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.