Désirée Nick

Das Dekolleté einer 28-Jährigen – und das Herz einer 50-Jährigen

In ihrem neuen Buch träumt Désirée Nick vom schmerzfreien Feminismus in Stilettos

Mit dem Feminismus ist es ja immer so eine Sache. Moderne Frauen verdanken ihm Emanzipation, Gleichberechtigung und den Minirock. Trotzdem haftet der von Hedwig Dohm, Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer geprägten Bewegung häufig ein negatives Image an – und das nicht nur bei Männern.

Dass Désirée Nick ihre ganz eigene Sicht auf den Feminismus hat, dürfte Fans der Entertainerin, Autorin und Schauspielerin nicht verborgen geblieben sein. Alle anderen können die Nicksche Interpretation jetzt in ihrem jüngsten Buch „Neues von der Arschterrasse“ nachlesen, das am Montag im Ullstein Verlag erschienen ist. Der Feminismus ist gar nicht tot. Er riecht bloß ein bisschen aufdringlich. Nach einem Eau de Toilette, wie es Frauen verwenden, die fürchten, dass man sie sonst nicht wahrnehmen könnte, konstatiert sie darin und bricht eine Lanze für einen Feminismus, der ohne Stilettos, Silikonbrüste, Permanent-Make-up und anderen Chichi auskommt. Das liest sich so, wie sich alle Bücher von der Frau lesen, die schon immer dahin ging, wo es wehtut, wenn es sein musste, sogar ins „Dschungelcamp“. Spitzzüngig und mitunter sogar amüsant, aber trotzdem differenziert.

In ihrer Heimatstadt Berlin gehört Désirée Nick dank dieser Attribute schon lange zur Lokalprominenz. Hier ist sie geboren und aufgewachsen. Hier absolvierte sie zwischen 1965 und 1975 eine klassische Ballettausbildung an der Berliner Tanzakademie, bevor sie vier Jahre lang zum Ensemble der Deutschen Oper gehörte. Ein Kontext, in dem man sich die Nick heute nur noch schwer vorstellen kann. Eher schon als Revuegirl am Pariser Lido – der nächste Schritt ihrer Karriere. Im Anschluss studierte sie an der Theologisch-Pädagogischen Akademie Berlin katholische Theologie auf Lehramt.

Kein Wunder also, dass Désirée Nick auch in ihrem neuen Buch keine Widersprüche ausspart. Gnadenlos türmt sie Stereotype auf, um – oben auf dem Gipfel angekommen – in gespielter Verzweiflung festzustellen: „Wenn die emanzipierte Frau von heute die Eiger-Nordwand erklimmt, wird ganz einfach erwartet, dass sie das auf High Heels tut.“ Nun hat man die 57-Jährige außer im Dschungel auch noch nie ungeschminkt und ohne High Heels erlebt. Man kann sagen: Sie verkörpert selbst all die Klischees, die sie in ihrem Buch anprangert, auch das vom „Dekolleté einer 28-Jährigen über dem Herzen einer 50-Jährigen“. Ihre Polemik über den Trend zur „High Maintainance Selbstinszenierung“, sie läuft also konsequent ins Leere.

Doch genau dafür liebt sie nicht nur Klaus Wowereit, der sich bei der Aids-Gala 2004 sogar zu einem Kuss mit der Entertainerin hinreißen ließ, sondern auch ihre Anhängerinnen – besonders die jenseits der Menopause. Die erwarten keine Antwort mehr auf die Frage, wie sich das miteinander vereinbaren lässt, mehr Frauenrechte einfordern, sich aber selbst über die Optik definieren.

Und weil die Lästerschwester vom Dienst sich selbst nicht ausnimmt, wenn sie im Pluralis Majestatis von „gerodeten Venushügeln“, „Silikonmonstern“ oder „Kreppwimpernträgerinnen“ spricht, weil sie sich bei aller Scharfzüngigkeit ironische Selbstdistanz bewahrt hat, verzeiht man ihr so manche Verallgemeinerung. Nebenbei offenbart sie nicht nur ein entspanntes Verhältnis zur Schönheitschirurgie („nie mehr als zwei bis drei Eingriffe“), sie verrät auch ihr ganz persönliches Beauty-Geheimnis: viel trinken, Sonne nur in homöopathischen Dosen und Mittagsschlaf. Die Welt verändert man so natürlich nicht. Aber Hand aufs Herz: Die Frau ist Entertainerin, keine Kanzlerin.

Lesung „Neues von der Arschterrasse“: Dienstag, 11. März, 20 Uhr, im Grünen Salon der Volksbühne, Karten 13 Euro