Zwischenmenschlich

Sanitäter und andere Zufälle

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Berlin ist so eine Stadt, in der man sich eigentlich permanent fragen muss: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn es der Teenager nicht mehr rechtzeitig aus der S-Bahn geschafft hätte, um sich die Freitagnacht am Bahnsteig kotzend noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen? Was wäre, wenn man selbst einen Laden mit selbstgestrickten Kindersachen eröffnen würde? Was wäre, wenn der Betrunkene an der Schönhauser Allee besser zielen könnte und seine volle Bierflasche nicht neben einem zerschellt wäre? Was wäre, wenn man Milch mit Laktose getrunken, Steuern hinterzogen, kurz nach dem Fall der Mauer eine Wohnung in Prenzlauer Berg gekauft oder nicht dem Kinderwagen Platz gemacht hätte? Wenn man bei Grün über die Ampel gegangen, noch mit in den „Monarchen“ gezogen, George Clooney im „Soho House“ begegnet, ohne Macbook im „Oberholz“ aufgekreuzt, anstatt in den „Monarchen“ ins Bett gegangen wäre?

Und was, wäre ich vergangenen Freitag nicht nachmittags zu Hause gewesen? Da haben nämlich zwei freundliche Herren in roten Jacken an meine Tür geklopft, um mich höflich zu fragen, ob ich nicht den Rettungsdienst gerufen hätte. Zu dem Zeitpunkt lag ich zwar mit einer fiesen Erkältung flach, den Notruf hatte ich aber nicht gleich gewählt. Ich habe die beiden dann zu Familie Beyer geschickt, die im Haus gegenüber wohnt.

Wäre ich nicht da gewesen, um die Verwechslung aufzuklären, hätte ich jetzt wohl eine eingetretene Tür. Und einer der Beyers wäre vielleicht tot.

Es ist wohl Schicksal, dass in Berlin der Zufall regiert. Obwohl es auch hier Menschen gibt, die behaupten, dass alles, was geschieht, im Urknall angelegt ist. Wobei ich manchmal eher glaube, diese Stadt liegt in den Händen der Durchgeknallten. Noch nicht einmal zu Hause zu sein, hilft da immer – dem Studenten in Mariendorf hat das SEK im vergangenen September ja trotzdem die Tür eingetreten. Die wollten damals auch eigentlich zum Nachbarn.

Angesichts dessen, was in Berlin jeden Tag passieren kann, können wir uns also fragen, was gewesen wäre, sollten uns aber lieber darüber freuen, was nicht gewesen ist. Abgesehen von der Sache mit George Clooney natürlich.