Interview

„Eigentlich kann ich nichts“

Thomas Kretschmann über seinen Weg vom Schwimmer bis zum Schauspieler in Berlin und Hollywood

Thomas Kretschmann gehört zu den wenigen deutschen Schauspielern, die es auch in den USA geschafft haben („Stalingrad“, „King Kong“, „Operation Walküre“). Nach seinem Berlinale-Besuch eröffnete er am Mittwochabend im Beisein von deutschen Kollegen den Flagshipstore eines Luxus-Labels auf dem Kurfürstendamm. Annika Schönstädt hat mit ihm über Anfänge, unvermeidliche Nazi-Rollen und persönlichen Luxus gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie sehen aus, als wenn Sie gerade aus dem Urlaub kommen.

Thomas Kretschmann:

Das ist aber nett von Ihnen. Ich fühle mich allerdings, als wenn ich gerade aus dem Bergwerk komme. Ich bin seit einer Woche in Berlin, war auf der Berlinale und habe ein bisschen gearbeitet. Außerdem habe ich meine Freundin dabei, die hat sich kurz vor unserer Abreise das Schlüsselbein gebrochen und hat noch eine Titaniumplatte reingeschraubt bekommen. Die kann sich quasi überhaupt nicht bewegen, die muss ich gerade sogar anziehen. Ich bin also doppelt beschäftigt.

Wie sah Ihr Berlinale-Programm aus?

Ich war nur auf einer Party. Ansonsten habe ich ein paar Filme gesehen, Leute getroffen. Produzenten, Regisseure. Was man halt so macht, wenn alle in der Stadt sind.

Und sind diese Treffen erfolgreich gewesen?

Es ist ja nicht so, dass man zur Berlinale fährt und sich dort einen Film abholt. Es ist einfach praktisch, dass alle da sind und man nicht durch die Gegend fahren muss.

Sie sind auch in Hollywood erfolgreich. Kann man dort als Deutscher Karriere machen, ohne einen Nazi zu spielen?

Ich weiß nicht. Welcher Deutsche hat denn dort Karriere gemacht, ohne einen Nazi zu spielen? Unsere Vergangenheit spricht ja auch für sich. Für mich gibt es nur interessante oder schlechte Rollen. Ich kann ja nichts dafür, dass unsere Vorfahren die Welt erobern wollten. Ich kann aber auch genauso gut etwas anderes spielen. Ich habe mehr als 100 Filme gemacht und nur zwei oder drei waren Nazis. Die anderen hatten nur eine Wehrmachtsuniform an. Selbst das waren noch unter zehn Prozent meiner Rollen.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, an dem Sie gedacht haben, das könnte jetzt klappen mit Hollywood?

Das wusste ich nie. Das kann auch morgen wieder vorbei sein. Fragen Sie doch mal Christoph Waltz . Ich glaube, der wollte aufhören zu spielen. Und dann kam Quentin Tarantino, und plötzlich hatte er zwei Oscars. So was kann man nicht voraussagen. Und er hat übrigens auch einen Nazi gespielt.

Sie waren in Berlin auf der Schauspielschule?

Ich war nur zwei oder drei Monate auf der Schauspielschule und dann am Schiller-Theater. Ich habe die Schauspielschule nicht zu Ende gemacht. Das war mir zu psychotherapiemäßig. Da gab es Übungen, in denen wir uns wie ein Stein fühlen sollten und solche Sachen. Ich habe dort nicht viel gelernt. Die haben mir gesagt, wenn ich so weitermache, wird das nichts. Ich bin ein Quereinsteiger. Wenn Sie so wollen, kann ich eigentlich nichts. Ich habe das alles durch Learning by doing gemacht. In meiner Zeit am Schiller-Theater habe ich überhaupt erst begriffen, was es heißt, Schauspieler zu sein.

Warum wollten Sie denn überhaupt Schauspieler werden?

Weil mir nichts anderes eingefallen ist. Ich war in der DDR auf der Sportschule, aber Schwimmen ist ja kein Beruf. Ich habe damals 1979 vor der Olympiade in Moskau aufgehört. Ich war zwar immer DDR-Spitze, und das war damals auch Weltspitze, aber ich wäre eben nie Weltmeister geworden. Und dann muss man auch nicht mehr weitermachen.

Was ist für Sie Luxus?

Ich leiste mir eine schöne Uhr. Luxus ist für mich aber vor allem, wenn man Freunde hat und ein schönes Zuhause. Statussymbole finde ich grauenhaft. Ich habe eine ganz tolle Freundin, das empfinde ich als Luxus.

Was war das Teuerste, was Sie ihr jemals geschenkt haben?

Einen Ring. Aber nicht DEN Ring.