Zwischenmenschlich

R2-D2 und der Austauschstudent

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es ist halb neun an einem Donnerstagmorgen, Umsteigezeit am Alex, ich stehe am Bahnsteig, auf mein iPhone guckend, und warte auf die S-Bahn. Sie kommt nicht, stattdessen steht ein Typ neben mir, Mitte 20, Bier in der Hand, bestens gelaunt. „Hi, wo kommst du her, aus Berlin?“, fragt er mich auf Englisch. Widerwillig gucke ich auf, nicke müde, widme mich wieder der E-Mail. „Was machst du heute Nachmittag?“, fragt er weiter. Schwer zu sagen, ob er noch wach ist oder schon wieder, auf jeden Fall ist er wacher als ich. Mir ist es zu früh für so was, außerdem bin ich spät dran, ich muss die Polizeimeldungen lesen, Twitter checken, endlich diese Mail beantworten, Mist, heute ist ja auch noch Themenplanungskonferenz, und wo bleibt eigentlich diese verdammte Bahn? „Arbeiten“, sage ich. Der Typ guckt mich an, ernst jetzt irgendwie. „Du bist ein Roboter“, sagt er und dreht sich um. „Du bist ein Roboter.“

Nun halte ich es an sich noch nicht für ein beunruhigendes Zeichen, an einem Wochentag morgens um halb neun auf dem Weg zur Arbeit zu sein. Und ein bisschen im Stress. Oder beim Warten auf sein Handy zu gucken. Kann schließlich nicht jeder stattdessen ein Bier in der Hand haben. Oder nichts zu tun. Und überhaupt, was weiß der schon? Wie will der nach 20 Sekunden wissen, wie es in meinen Schaltkreisen aussieht, ob ich mal ein Update bräuchte oder, noch besser, ein Reboot, und welche Schrauben alle locker sind bei mir.

Da ich ja aber auch nur ein Mensch bin, geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf. Du bist ein Roboter. Bei Kraftwerk klang das noch cool. Aus dem Mund eines Zwanzignochwas eher bemitleidenswert. In einer Stadt, in der man selbst montagabends anstehen muss, um in einen Club zu kommen, ist so ein Satz leicht gesagt. Ein Club, in dem sie selbst alle tanzen wie kleine Duracell-Häschen. Und dann zwei Tage durchschlafen, um ihre Batterien aufzuladen. Damit sie genug Power haben, anschließend ein, zwei Stunden über die Idee für ein Start-up nachzudenken. Oder ein bisschen Kunst auf die Straße zu malen. Oder Gitarre zu lernen. Oder sich in die Schlange vor den nächsten Club zu stellen. Der pure Neid? Zum Glück sind mir als Roboter Gefühle vollkommen fremd.