Doku

Ein letzter Höhepunkt

Martin Scorsese stellt sein neues Dokufilm-Projekt vor

Bevor heute Abend die Gewinner der Berlinale gekürt werden, hatte das Festival am Freitag noch einmal hohen Besuch: Mit Martin Scorsese besuchte einer der Säulenheiligen des zeitgenössischen Kinos das Festival und brachte einen neuen, allerdings noch nicht ganz fertigen Film mit. War der New Yorker Regisseur in jungen Jahren noch ein Außenseiter des US-Kinos, dessen radikale Filme das Establishment vor den Kopf stießen, ist Scorsese heute längst kanonisiert. Seinen Regie-Oscar bekam er 2007, er dreht gefeierte Filme (aktuell „Wolf of Wall Street“) und dürfte in den nächsten Jahren so ziemlich jeden Ehrenpreis fürs Lebenswerk erhalten.

Auch bei der Berlinale ist Scorsese längst Stammgast: 2003 war „Gangs of New York“ Abschluss-, 2008 „Shine a Light“ Eröffnungsfilm, 2010 wurde „Shutter Island“ gezeigt, nun also eine noch nicht betitelte Dokumentation über die New York Review of Books. Mit Koregisseur David Tedeschi präsentierte Scorsese am Freitag im Haus der Berliner Festspiele 70 Minuten aus dem Werk und wurde schon bejubelt, bevor eine Sekunde Film zu sehen war.

Wenn große Spielfilmregisseure auch zur dokumentarischen Form greifen, wird das oft belächelt, die Ergebnisse als Nebenwerk abgetan. Gerade bei Scorsese könnte man falscher nicht liegen, begann seine Karriere doch als Schnittmeister beim legendären „Woodstock“-Film, drehte er immer wieder Dokumentationen, seit 2001 allein acht. Das bildet einen interessanten Kontrast zu den Spielfilmen. So teuer dreht Scorsese inzwischen, dass er dem Markt Tribut zahlen muss und kaum noch die künstlerische Freiheit genießt, die er einst hatte. Die lebt er heute inzwischen in der dokumentarischen Form aus.

Viel persönlicher als die stilistisch perfekten, aber doch auch kalten Spielfilme wirkt da ein Film wie „George Harrison: Living in the Material World“ oder „Letter to Elia“, eine Ode an Elia Kazan. Auch der aktuelle New York Review of Books-Film verrät viel über das, was Scorsese in den 50 Jahren des Bestehens an dem Literaturmagazin schätzte: Intellektuelle Stimulation, kontroverse Beschäftigung mit den relevanten Debatten der jeweiligen Zeit und nicht zuletzt den Themen, die New York, Scorseses Heimatstadt bewegten: Voller Begeisterung erzählt Scorsese da nach der Vorführung, wie er das Magazin entdeckte, wie es ihn in den 60er-Jahren, als er an der NYU Film studierte, als politischer und moralischer Leitfaden diente. „Ich bin im Westen von New York aufgewachsen, fast wie in einem kleinen sizilianischen Dorf, und die Lektüre der Zeitschrift aus der East Side öffnete mir eine neue Gedankenwelt“.

Angesichts zahlreicher Gäste auf dem Podium konnte Scorsese diesmal zwar nicht so ausführlich über Film reden, wie man es gewohnt ist, und auch das Publikum blieb bedauerlicherweise ausgeschlossen. Dennoch verhalf der immer noch enorm vitale Martin Scorsese der Berlinale noch zu einen letzten Höhepunkt.