Interview

„Es geht in den Filmen nicht um mich“

Sexszenen sind kein Problem: Clemens Schick spielt seine erste schwule Rolle in „Praia do Futuro“

Er ist dieses Jahr Dauergast der Berlinale. Mit gleich drei Filmen ist Clemens Schick, der heute 42 wird, vertreten. Im Wettbewerbsbeitrag „Praia do Futuro“ spielt er seine erste schwule Rolle, einen deutschen Motorradfahrer, der in Brasilien von einem Rettungsschwimmer vorm Ertrinken gerettet wird und sich in ihn verliebt. Mit dem Berliner Schauspieler hat Thomas Abeltshauser gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Drei Filme auf der Berlinale – es läuft gerade gut bei Ihnen, oder?

Clemens Schick:

Ja. Wobei ich sagen muss, dass „Praia do Futuro“ der wichtigste Film für mich ist.

Warum?

Weil es für mich ein absolutes Herzensprojekt ist. Die Zusammenarbeit war extrem beglückend und eine Herausforderung. Wir haben zwei Monate in Brasilien und hier geprobt und ich habe selten einen leidenschaftlicheren Filmemacher wie Karim Aïnouz kennengelernt. Das war sehr ansteckend.

Konrad ist ein sehr physischer, auch mutiger und freigeistiger Mann. Wie viel Ähnlichkeiten hat er mit Ihnen?

Ach, das ist immer fast schon so eine philosophische Frage. Was nimmt man von sich? Und was entdeckt man neu in Figuren? Wie das Verhältnis davon aussieht, ist am Ende gar nicht so wichtig. Es gibt sicher Punkte, die ich von mir kenne. Aber es geht ja um keine Selbstdarstellung von Clemens Schick, sondern um eine Rolle.

Dieter Kosslick hat den Film im Vorab den Hitzlsperger-Moment der Berlinale genannt. Eine schwule Liebesgeschichte im Wettbewerb als Statement zu Sotschi und der anhaltenden Diskussion um Homorechte. Sehen Sie das auch so?

Auf der einen Seite ist uns wichtig, dass es eigentlich gleichgültig ist, dass da zwei Männer Sehnsucht, Liebe oder Gier empfinden. Es hätte auch ein Mann und eine Frau sein können. Für uns ist das Thema so normal, dass es für uns kein Thema ist. Homophobie ist nicht das Thema des Films. Trotzdem ist uns klar, dass Homophobie in vielen Ländern der Welt ein großes Problem ist und mit allen Mitteln bekämpft werden muss.

Sie haben nie gezögert, diese Rolle zu spielen?

Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich glaube, wenn es ein Film gewesen wäre, der sich mit dieser Problematik beschäftigt, hätte es mich gelangweilt. Für mich, von meinem Empfinden her, so wie ich lebe und meine Freunde und meine Kollegen – ich komm vom Theater, wir leben in Deutschland – ist das kein Thema mehr.

Aber als Schauspieler ist es doch ein Thema. Es gibt kaum ein Berufsfeld außerhalb des Fußballs, wo der offene Umgang mit der eigenen Homosexualität so angstbesetzt ist.

Weiß nicht, dass muss jeder für sich entscheiden, wie er mit dem Thema umgeht. Ich habe bei dem Film mitgemacht, weil ich gemerkt habe, wie frei Karim als Brasilianer, der in Berlin lebt, mit dem Thema Schwulsein umgeht und es nicht in den Fokus rückt. Das hat mich überzeugt.

Bei Regisseuren ist es auch weniger ein Problem als bei Schauspielern. Gibt es da einen Druck, als Schwuler nicht mehr als romantischer Held besetzt zu werden?

Weiß ich nicht, ob das heute noch so ist.

Wie gehen Sie selbst mit dem öffentlichen Interesse an Ihrem Privatleben um?

Ich gehe so damit um, dass ich grundsätzlich nicht über mein Privatleben rede. Es geht hier ja um meinen Beruf, über den reden wir. Wir reden nicht über die Selbstdarstellung des Clemens Schick. Der Zuschauer muss über mich nicht viel wissen. Was wissen wir vom Privatleben der interessantesten Schauspieler, die wir auf dieser Welt kennen?

Von Til Schweiger zum Beispiel weiß man relativ viel.

Ja. Aber das ist seine eigene Entscheidung. Das muss jeder Schauspieler für sich selbst entscheiden. Ich versuche die Öffentlichkeit, die ich habe, dafür einzusetzen, dass ich mich bei Human Rights Watch einsetze oder politisch engagiere. Aber der private Clemens Schick, den braucht der Zuschauer nicht. Es geht ja nicht um mich.

Was war bei diesem Film die größte Herausforderung?

In einer Sprache zu arbeiten, die ich nicht kannte. Manchmal haben die anderen Schauspieler improvisiert und ich konnte sprachlich nicht reagieren. Da ist manchmal eine hilflose Wut in mir entstanden, die dann aber wieder zur Rolle passt.

Gelingt es Ihnen, das Schauspiel so als Ventil zu benutzen?

Das kann man so allgemein nicht sagen. Manchmal passt das Gefühl, das man als Schauspieler hat, zur Szene und manchmal nicht.

Sind Sie jemand, der sehr kontrolliert und in sich ruhend ist? Oder auch mal aufbrausend?

Ich bin sogar sehr aufbrausend. Ich habe starke Nerven, aber wenn ich merke, dass Leute nicht ihr Bestes geben, macht mich das rasend.

Was ist schwieriger vor laufender Kamera: Sex mit einem Mann oder mit einer Frau?

Sexszenen sind generell das Technischste, was man sich vorstellen kann. Das ist für mich völlig uninteressant, ob das mit einem Mann oder einer Frau ist. Ich habe mit Sexszenen kein Problem, weil ich ein sehr physischer Mensch bin.

Der Film zeigt auch sehr schön, wie bunt Berlin geworden ist.

Ich finde das auf einer anderen Ebene interessanter. Was gibt man für den anderen auf, wenn man sich verliebt? Und welchen Preis zahlt man dafür? Und wie lange zahlt sich das aus?

Sind Sie jemand, der viel für jemanden aufgibt?

Ich glaube, dass ich ein sehr kompromissloser Mensch bin, der immer sehr viel aufgibt. Aber ich kann nicht sagen, dass das eine Sicherheit gibt.