Außer Atem

Wir müssen unsere Müdigkeit lieben lernen

Elmar Krekeler kämpft mit Handke gegen den Kinoschlaf

Hab ich gerade gegähnt? Entschuldigen Sie bitte. Es wird allmählich ein bisschen viel. Es kribbelt immer häufiger in den Beinen. Und dann verspannt sich der Rücken derart, dass man sogar die Hilfe der blinden Masseure von diesem chinesischen Film in Anspruch nehmen würde, obwohl die ziemlich wahllos rumgeknetet haben. Da, wo Franck Ribéry unlängst operiert wurde, kann man seit Tagen Wundmale ahnen.

Immer häufiger scheine ich Absencen zu haben. Die Plots der Filme scheinen löchriger zu werden. Anschlüsse fehlen. Ich höre Musik, wo keine ist. Irgendwas von Bach. Nun gut.

Es gilt zwar, was der Lieblingskollege immer so gerne sagt, wenn’s übers sanfte Entschlummern vor der Leinwand geht: „Wer im Kino schläft, vertraut dem Film.“

Blindes Vertrauen tut aber selten gut. Auch im cineastischen Bereich. Man weiß ja bei der Berlinale manchmal nicht, in welcher Geschichte man wieder aufwacht. Gerade bei den Shorts, den Kurzfilmen, hab’ ich da schon Dinge erlebt. Auch neben wem man aufwacht, ist nicht sicher (von den post-nymphomanischen Träumen möchte ich nicht viel erzählen, schön sind sie jedenfalls nicht).

Einschlafen kann gefährlich sein für Leib und Seele. Das weiß ich wiederum aus einem Film, in dem man und nach dem man kaum schlafen kann. Einem der wenigen in dem nicht bei-, sondern einfach nur geschlafen wird. So richtig tief. Zu tief.

Wie der einsame Greider in Andreas Prochaskas grandiosem Alpenwestern „Das finstere Tal“. Nach des Tages Müh’ und Plag’ ist er selig in einer kleinstkinogroßen Waldhütte eingeschlafen. Geweckt wird er von einem Geräusch, das entstand, weil die Hütte von vier bösen Tiroler Bauernbrüdern mit Kugeln durchsiebt wird. Das kann einem im Berlinale Palast nicht passieren. Dem weißen Greider schon. Manche Weltgegenden und Geschichtsumgebungen (Prochaskas Django Alpin spielt im 19. Jahrhundert) sollte man halt meiden. Außerdem war es, das fällt Greider gerade noch rechtzeitig im Aufwachen ein, vielleicht doch keine so gute Idee, die zwei anderen Brüder der vier da draußen vorher ziemlich barbarisch ins Jenseits zu befördern.

Es geht hier draußen am Rand der Stadt übrigens auf zwei Uhr zu. Jedes Knacken wird bedrohlich. Die Familie träumt von Lotte in Weimar und Bobo und Tim und Struppi. Ich kann nicht schlafen. Seltsam. Vielleicht hilft Handke. Der hat doch mal was geschrieben. „Versuch über die Müdigkeit“. Das hilft tatsächlich. Nicht zwangsläufig zum Hindämmern, aber dafür, das wir unsere Müdigkeit lernen, so richtig lieb zu haben.

Weil Müdigkeit „die Klammer zur Identität lockert“ und „eine tiefe Freundlichkeit stiftet“ steht da. So wollen wir werden, locker und freundlich. Das tut gut, hm, Entschuldigung, jetzt wäre ich beinahe doch...

„Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, aber was gelassen werden kann.“ Steht da auch. Herrlich. Mehr Müdigkeit, mehr Inspiration, mehr sein lassen. Ich sehe dem Ende der Berlinale mit Zuversicht entgegen.