Berlinale Talents

Und das Gesicht von der Kamera abwenden

Drei Filmregisseure erläutern auf amüsante Weise die Berliner Schule

Es war ein kollegiales und unerwartet amüsantes Gespräch über die Berliner Schule im HAU 1. Mit Maren Ade („Alle anderen“), Benjamin Heisenberg („Schläfer“) und Christian Petzold („Barbara“) saßen bei den Berlinale Talents (dem früheren Talent Campus) drei ihrer prominentesten Regisseure auf der Bühne, dazu gesellte sich der MoMA-Kurator Rajendra Roy. Das New Yorker Museum of Modern Art widmete der Berliner Schule jüngst eine eigene Ausstellung. Deutlicher kann die internationale Anerkennung kaum ausfallen. Man fragt sich, was noch kommen soll oder ob das nun das Ende einläutet: die Berliner Schule im Museum.

Was mit dem Begriff Berliner Schule gemeint ist und wer dazu gehört, ist schwer zu klären. Ihre Kritiker fassen es oft so zusammen: langweilig, trist, wenig Dialoge, erst recht keine Action. Dafür gibt es zahllose Preise bei nationalen und internationalen Festivals, begeisterte Kritiken, vor allem in der ausländischen Presse – und kaum Zuschauer in den deutschen Kinos.

Die Filme spielen oft in der Provinz. Die Protagonisten befinden sich im Kampf mit sich selbst und ihren Beziehungen. Die Charaktere sind keine Helden und taugen dafür umso stärker als Identifikationsfiguren. Es ist ein Kino der präzisen Beobachtung. Geprägt wurde der Begriff 2001 von deutschen Journalisten. Zu dieser Zeit bestand der deutsche Film hauptsächlich aus seichten Komödien; da kam mit Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec tatsächlich etwas, das man eine neue Richtung nennen konnte. Petzold hat mit dem Begriff kein Problem. „Es ging nie um technische oder künstlerische Regeln wie bei der dänischen Dogma-Bewegung.“ Heisenberg hadert mit dem Namen. „Wir sind keine Schule und wir haben alle woanders studiert, viele kommen aus München oder auch Wien“. Für Heisenberg ist das Hauptmerkmal der Berliner Schule: Intensität. Jede noch so kleine Bewegung, jeder Blick ist von Bedeutung.

„Wir benutzen wenig Schnitte, wenig Musik, aber wir setzen sie ein“, sagt Petzold, der als Vorbild für der Berliner Schule gilt und mit „Barbara“ 2012 einen Silbernen Bären gewann. Ein Film, in dem diese typischen Merkmale nur noch aufblitzen. Maren Ade erzählt, wie sie vor 15 Jahren ein Praktikum bei Petzold machen wollte und ihm einen Brief schrieb. Auf der Bühne wird ausgiebig gelobt, gescherzt und von der eigenen Arbeit gesprochen.

Petzold will mit seinen Darstellern nicht über psychologische Dinge reden, „dann sind wir in einer Therapie“. Maren Ade macht nicht selten 20 Takes von einer Einstellung. Sie entscheidet sich erst später im Schneideraum. Bei ihrem letzten Film gab sie die Regieanweisung: „Wir brauchen hier mehr Berliner Schule!“ Der Darsteller verstand es sofort. Sein Gang wurde langsamer, die Stimme ruhiger. Petzold lacht: „Und das Gesicht von der Kamera abgewandt.“ Zum Schluss wird noch ein Ausschnitt aus Heisenbergs neuen Film „Über-Ich und Du“ gezeigt, der im Panorama-Programm zu sehen ist. Seine erste Komödie. Was beim Rausgehen bleibt, ist der Eindruck, dass die Berliner Schule nur noch ein Name ist, einer für alle schöne Erinnerung.