Interview

„Ich würde hier gern mehr Zeit haben“

Berlinale-Dauergast Catherine Deneuve über ihren neuen Film und die Liebe zu Berlin

Die Deneuve ist da. Ganz regulär im Kino mit ihrem Film „Madame empfiehlt sich“. Auf der Berlinale in ihrem neusten Film „Dans la Cour“, in dem sie eine verunsicherte Frau in der kleinen Nachbarschaftswelt eines Pariser Hinterhofs spielt. Und dann – nicht zu vergessen – ist die französische Legende auch mal wieder persönlich auf der Berlinale und sorgt mit jedem Auftritt hier für eine gehörige Portion Glamour. Das Interview mit ihr findet im Hotel „Regent“ statt – wie es sich gehört mit ein paar kleinen Verzögerungen für einen weiteren Espresso oder eine weitere Zigarette. Und abgesehen davon, dass sie zwischendrin einen Anruf annimmt und kurz das Zimmer verlässt, um Süßigkeiten für ihre Tochter anzunehmen, ist sie voll bei der Sache. Alexander Soyez sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost:

Sie wirken immer so, als würden Sie voller Energie stecken …

Catherine Deneuve:

Ja. Die habe ich auch. Nur wenn ich müde bin, habe ich das Gefühl, dass mir die Energie ausgeht. Ich muss schließlich auch akzeptieren, dass ich nicht mehr die Jüngste bin. Da geht es nicht mehr so wie früher. Manchmal ist es mir ein bisschen zu viel. Aber eigentlich kann ich mich nicht wirklich beschweren. Meistens werde ich nachmittags müde. Da habe ich oft ein Loch.

Wie gehen Sie damit um? Espresso?

Das ist eine Lösung. Aber das Beste gegen Müdigkeit ist immer noch schlafen. Wenn ich arbeite, nutze ich jede Gelegenheit zwischendurch, um zu schlafen. Ich kann überall und immer schlafen. Zehn oder 15 Minuten. Da bin ich wie Napoleon. Der konnte das auch. Ich nehme ein Sofa oder eine Bank, lege mich kurz hin und bin weg.

Das gilt als eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse erfolgreicher Menschen.

Ja. Ich weiß nur nicht, ob es ein Geheimnis ist. Ich kann es einfach und bin dankbar dafür. Selbst, wenn ich ein Kostüm für einen Film anhabe, wenn ich eine Perücke auf dem Kopf habe oder gerade in der Maske bin. Ich schaffe es sogar, mich so auszuruhen, dass meine Frisur danach noch in Ordnung ist. Es gibt auch ein paar Fotos von mir, wie ich in voller Montur in irgendeiner Ecke weggenickt bin. Mit Krone auf dem Kopf, weil ich die Königin von Frankreich gespielt habe.

Sie sind ein Berlinale-Dauergast. Wie gut kennen Sie die Stadt mittlerweile?

Ganz ehrlich: Wenn ich nach Berlin komme, dann nicht als Tourist, auch wenn das vielleicht etwas pragmatisch klingen mag. Ich würde hier gern mehr Zeit haben. Ins Pergamonmuseum gehen. Durch die Straßen schlendern, am liebsten im Sommer. Aber die Wahrheit ist: Auch wenn ich jetzt schon so oft hier war, dass ich es selbst nicht mehr aufzählen könnte, würde ich nie behaupten, Berlin zu kennen. Das Hotel, dieses Restaurant, ja. Ich bin immer nur von einem Termin zum nächsten unterwegs. Hier ein Interview, dort ein Treffen, da Cinema for Peace, dort ein Essen. Ich bin hier, um meinen Film vorzustellen und die Berlinale zu besuchen, für was anderes ist kaum Zeit.

Haben Sie denn eine besondere Beziehung zur Berlinale, so oft, wie Sie hier waren?

Klar. Aber auch nicht mehr als zu Cannes. Nicht dass das überheblich klingt. Es ist ein Festival, ich bin eine Schauspielerin. Deswegen bin ich hier. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen Cannes und Berlin, abgesehen vom Wetter. Hier geht es mehr um die Filme, weniger um den Glamour. In Cannes dreht es sich doch viel mehr um den Roten Teppich, die Stars und irgendwelche Partys auf Yachten oder in Luxusresidenzen. Ich finde das dort etwas anstrengender als hier.

Ihr neuester Film „Dans la Cour“ zeigt Sie mal wieder von einer völlig anderen Seite. Als verunsicherte Bewohnerin der obersten Etage eines Pariser Mietshauses. Greifen Sie für so eine Rolle auch auf eigene Unsicherheiten zurück?

Ich nähere mich meinen Rollen nicht über mich selbst. Irgendwann wären mir in meiner Karriere dann auch die Anknüpfungspunkte ausgegangen, glaube ich. Ich spiele meine Rollen wirklich nur. Ich bin da wie ein Kind, das so tut als wäre es jemand anderes. Ich muss nicht wirklich selbst so fühlen wie die Person, die ich spiele. Ich bin nicht wie sie. Ich habe andere Träume und auch andere Ängste.

Was für Ängste haben Sie?

Wie andere Menschen auch. Im ganz normalen Leben. Ich habe manchmal Angst, dass ich einen Part nicht richtig spielen kann. Ich bin manchmal unsicher, wenn mir etwas unangenehm ist. Oder es stresst mich, wenn ich nicht allen Dingen und Menschen gerecht werden kann, die mir wichtig sind im Leben. Man muss da immer die richtige Balance finden, und das ist für niemanden wirklich leicht.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen gab es in Ihrer Karriere keine nennenswerten Tiefen. Sie arbeiten seit fast sechs Jahrzehnten, wurden in den 60ern zum Star und sind es einfach geblieben.

Ich hatte Glück. Es ist ja nicht so, dass das nur daran liegen könnte, dass ich eine gute Schauspielerin bin. Ich kenne sehr viele sehr gute Schauspielerinnen, bei denen es oft solche Einbrüche gab und sie ein paar Jahre lang wirklich Schwierigkeiten hatten, Arbeit zu finden. Niemand weiß so genau, wieso es bei mir nicht passiert ist.

Dass man niemals „genug“ von Ihnen hatte, dürfte die Erklärung dafür sein. Aber andersrum gefragt: Hatten Sie niemals genug? Mittlerweile sind Sie über 70. Wie bewahrt man sich über eine so lange Zeit das Interesse an der Schauspielerei?

Ganz einfach, weil ich das Kino liebe. Wirklich liebe. Es ist eine Welt, die ich spannend finde und die ich immer noch mit jedem neuen Film aufs Neue entdecken kann. Und will. Ich gehe oft ins Kino, ich interessiere mich auch nicht nur für französische Filmemacher. Ich habe viele befreundete Regisseure und Autoren. Filme zu drehen ist wie eine zweite Haut für mich.

Wie gehen Sie als ganz normale Frau damit um, dass Sie für viele Menschen eine ewige Ikone sind, eine Filmdiva, wie es sie heute kaum noch zu geben scheint?

Indem ich das, was andere Leute über mich sagen, erstens nicht als selbstverständlich erachte und zweitens nicht allzu ernst nehme. Ich bin nicht immer aufgebrezelt, als würde ich gleich über den Roten Teppich spazieren. In meinem ganz normalen Leben bin ich eine ganz normale Frau, die auch Jeans und Sweatshirt trägt. Vermutlich erkennt mich dann niemand. Und vielleicht komme ich deswegen so gut damit klar.