Classics

Das wummert in den Eingeweiden

Ein Höhepunkt der Berlinale: der restaurierte „Caligari“ in der Philharmonie

Wir vibrieren jetzt noch. Das verstörendste, aber auch nachhaltigste und beeindruckendste Ereignis dieser Berlinale findet nicht am Potsdamer Platz statt, sondern einen Steinwurf entfernt in der Philharmonie. Dort wird Schlag zwölf am Sonntag einer der ganz großen Filmmeilensteine, „Das Cabinet des Dr. Caligari“, in fast genau 94 Jahre nach seiner Uraufführung, mustergültig restauriert, ohne Kratzer und Schrammen gezeigt. Eine Weltpremiere. Und das auch noch mit Live-Musik.

Wo sonst das Orchester sitzt, ist jetzt eine riesige Leinwand aufgebaut. Die hintersten Blöcke H und K sind gänzlich gesperrt, von dort aus könnte man gar nichts sehen. Die Blöcke E und G hat man als Hörplätze verkauft. Weil man nur ganz schräg auf die Leinwand spicken kann. Sowie das Licht ausgeht, schleichen sich deshalb viele Besucher von dort auf die Treppe des F-Blocks. Lieber stehen, aber sehen.

„Caligari“ ist schließlich nicht irgendein Stummfilm. Er war der erste große Exportschlager des Weimarer Kinos. Wurde von den Nazis als „entartet“ verfemt und hinterher, in Siegfried Kracauers berühmter soziologischer Studie „Von Caligari bis Hitler“ als Wegbereiter des Nationalsozialismus mystifiziert. Was für ein Missverständnis. „Caligari“ handelt von einem irren Irrenhausdirektor, der tags einen Somnambulen als Schaubudensensation vorführt und nachts zum Morden ausschickt. Das hat Robert Wiene in zackigen, schrägen, verzerrten Kulissen gedreht. Um die Unsicherheiten und Ängste jener Zeit in hochsymbolische Bilder zu bannen. Hitler hat sich dieser Ängste später nur bedient.

Weil einst „entartet“, gibt es heute keine vollständige deutsche Kopie mehr. Für die aufwändige Restaurierung musste man deshalb auf Kopien aus zahlreichen anderen Ländern zurückgreifen. Schon immer hat die Berlinale restaurierte Stummfilme als große Premieren gefeiert, mit „Hamlet“ in der Volksbühne 2007 etwa oder, unvergessen, „Metropolis“ 2010 am Brandenburger Tor. Seit 2013 gibt es dafür die eigene Sektion Berlinale Classics. „Caligari“ ist dort dieses Jahr das Juwel. Wir sind hier nicht nur Zeugen einer Welturaufführung, sondern auch, wie Ernst Szebedits, Vorstand der Murnau-Stiftung, beschwört, „Zeugen einer gelungenen Rettungsaktion“. Weil viele alte Filme, die nicht bald digital restauriert werden, verschwinden werden.

Dann aber kommt John Zorn. Er kommt in Military-Hose, Boots und Kapuzenpulli, ein augenfälliger Kontrast zu den Anzugträgern im Saal. Das Orgelpult steht links von der Leinwand. Und Zorn haut gleich hinein. Der New Yorker Komponist ist alles andere als ein Harmonieschmeichler, seine Musik ist schön dissonant und atonal. Zorn zieht buchstäblich alle Register auf der Philharmonie-Orgel. Im Block E darunter möchte man nicht sitzen. Aber auch in Block B wummern einem die Bässe noch in die Eingeweide. Zu den verstörenden Bildern die passende Musik. Ein absolutes, aber leider einmaliges Berlinale-Ereignis. Wer für „Caligari“ keine Karten mehr bekam: vom 21. bis 23. Februar läuft er noch mal im Babylon-Kino, dann aber interpreitert von dem exzentrischen Tastenperformer Cameron Carpenter.