Interview

„Wenn ich diesen Film sehe, muss ich jedes Mal heulen“

John Lithgow, Hauptdarsteller von „Love Is strange“, über seine beiden Krebserkrankungen und die Erinnerung an seinen Vater

Er ist ein Veteran des amerikanischen Kinos. Und des dortigen Theaters. Seit 1972 hat der New Yorker in 100 Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt, für seine Rolle in „Garp und wie der die Welt sah“ wurde er für einen Oscar nominiert. In dem Panorama-Beitrag „Love Is Strange“ spielt John Lithgow jetzt zusammen mit Alfred Molina ein Paar, das nach 39 Jahren heiratet. Zur Premiere des Films kam der 68-Jährige allerdings allein nach Berlin. Thomas Abeltshauser hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie sagen, diese Rolle sei die beste Leistung Ihrer Karriere. Ihre erste nichtheterosexuelle ist es aber nicht ...

John Lithgow:

Stimmt, schon 1982 in „Garp“ habe ich eine Transsexuelle gespielt. Und später in einem Fernsehfilm zwei schwule eineiige Zwillingsbrüder, da hatte ich also eine Beziehung mit mir selbst. Hier habe ich eine mit Alfred Molina, was viel einfacher ist.

Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Ich habe die Beziehung der beiden sofort verstanden. Natürlich fühlt es sich gut an, wenn man etwas darstellen kann, das im Kino unterrepräsentiert ist, aber an erster Stelle suche ich nach emotionaler Authentizität. Ich glaube, die besten Kunstwerke entstehen aus einem wirklichen Bedürfnis des Künstlers, sich auszudrücken. Und das ist bei Regisseur Ira Sachs der Fall. Und als Schauspieler will man Teil dieser Leidenschaft sein und dabei helfen, als Werkzeug. Wäre Ira Maler, wäre ich eine Tube Ölfarbe.

Und Ihr Bedürfnis als Schauspieler?

Ich will eine emotionale Bindung zu den Zuschauern herstellen. Ich will ihnen etwas geben, es geht mehr um sie als um mich. Es ist unbeschreiblich, wenn man spürt, dass das Publikum fühlt, was man ausdrücken will. Wenn ich diesen Film sehe, muss ich jedes Mal heulen. Es ist merkwürdig, sich auf der Leinwand alt oder sterben zu sehen. Und ich sehe hier meinem Vater unglaublich ähnlich, den ich die letzten Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod gepflegt habe.

Noch etwas verbindet Sie mit der Figur. Sie wollten früher auch Maler werden, richtig?

Ich war in jungen Jahren sogar sehr ernsthaft dabei, bis ich den fatalen Fehler begangen habe, Schauspieler zu werden. Aber ich habe die Figur wirklich mehr nach meinem Vater geschaffen. Er war Theaterregisseur und mit seinen Gedanken immer irgendwo anders. Das gleiche gilt, glaube ich, auch für Maler. Wo immer sie gerade sind, sie wären lieber in ihrem Studio und würden malen.

Machen Sie sich über Ihr eigenes Alter Gedanken?

Wie alt ich wirklich bin, merke immer, wenn ich mich auf der Leinwand sehe mit den weißen Haaren, die immer dünner werden. Da wird mir klar, dass ich nicht mehr der 28-jährige Kerl bin, für den ich mich halte. Aber ich habe bereits zwei Krebserkrankungen überlebt, ein Melanom 1988 und Prostatakrebs 2004. Da horcht man schon auf, weil einem bewusst wird, wie anfällig der Körper mit dem Alter wird. Es ist ein Schock, der an die Knochen geht. Aber der zweite Befund macht schon nicht mehr so viel Angst wie der erste. Ich habe das Gefühl, dass mir Zeit geschenkt wurde, und ich lebe jetzt sehr glücklich in der Verlängerung.

Was halten Sie selbst von der Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten?

Ich bin ja im Theater groß geworden, da war die Hälfte der Männer schwul. Für mich war das immer das Normalste der Welt. Auf einer Homo-Hochzeit war ich bisher allerdings erst einmal. Letzten Sommer heiratete ein sehr guter Freund, und er bat mich, dort etwas vorzutragen. Es war die mit Abstand bewegendste Hochzeit, auf der ich je war. Für die beiden war es so unglaublich wichtig, weil es ihnen jahrelang verwehrt war. Dabei tut Akzeptanz niemandem weh.

Wie würden Sie die Chemie zwischen Alfred Molina und sich beschreiben?

Es fühlte sich einfach nicht nach Arbeit an, sondern eher wie Freundschaft. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Er hat ein unglaublich großes Herz und jeder liebt es, mit ihm zu arbeiten, weil er so unprätentiös und zugleich so meisterhaft ist. Unsere Szenen im Film sind spielend einfach passiert.