Nachwuchs-Talente

Fast wie ein Klassenausflug

Maria Dragus aus Berlin gehört zu den European Shooting Stars 2014. Zehn junge Talente stellen sich der Branche vor, sie üben Interviews, Presse-Konferenzen und gut aussehen

Die Luft ist stickig, es ist voll. Jemand hat Orangensaft auf einem Tisch vergossen, eine kleine Lache läuft langsam in einen Stapel schwedischer Filmmagazine. Überall stehen leere Gläser rum. Hätte man nicht vor dem Hotel de Rome das Schild gesehen, dass es sich hier um eine führendes Hotel handelt, man hätte es glatt mit einer Zwei-Sterne-Klitsche verwechselt. Die 10 europäischen Shootingstars, die jetzt der Presse vorgeführt werden sollen, sind noch erhitzt vom Fleischmarkt, dem sie sich gerade hingegeben haben. Fast hundert Casting Directors, Regisseure und Talent-Agenten aus aller Welt waren akkreditiert, um den Filmnachwuchs zu treffen. Einige können sich gar nicht lösen. Maria Dragus, der deutsche Shootingstar, wird noch von der Casterin Ulrike Müller umarmt. Dann steht sie eine Sekunde allein im Raum. „Darf ich Sie etwas fragen?“ Sie lächelt. „Ja, klar“.

Daniel Craig war auch mal dabei

Maria Dragus’ erste große Rolle war die Klara in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ (2009). Ihr rätselhaftes Spiel dieses Mädchens zwischen kindlicher Unschuld und Intrige hat maßgeblich zum Geheimnis und zum Erfolg des Films beigetragen. Als Auszeichnung dafür erhielt sie den Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin. Danach spielte sie kleinere Rollen. Zuletzt die Wanda in „Draußen ist Sommer“. Jetzt muss wieder ein großer Film her, vielleicht hilft ihr ja diese Veranstaltung.

Zum 17. Mal gibt es die European Shooting Stars, drei Tage lang werden die jungen Schauspieler durch die Berlinale gewirbelt. Sie werden rumgezeigt, vorgestellt, präsentiert und fotografiert. Hier dabei zu sein, ist keine kleine Nummer. Das Netzwerk europäischer Filmorganisationen, der European Film Promotion (EFP), hat schon einige Talente dabei gehabt, die heute zu den ganz großen gehören. Daniel Craig zum Beispiel, Rachel Weisz oder Ludivine Sagnier. Auch Benno Fürmann, Nina Hoss, oder Daniel Brühl waren mal Shootingstars. Mittlerweile hat man sich auf zehn Talente pro Berlinale geeinigt, zwischendurch gab es schon mal mehr, aber da war das Chaos noch größer. Zehn scheint eine gute Zahl zu sein.

Dragus lacht. „Ja, es fühlt sich ein bisschen wie ein Klassenausflug an.“ Sie wohnt mit den anderen im Hotel. Nur heute morgen, da ist sie kurz nach Hause in ihre eigene Wohnung gefahren, um etwas zum Anziehen aus ihrem Kleiderschrank zu wählen. Sie hat ihren kindlichen Look mit einer weiten Bluse konterkariert. Später wird sie ein weißes Kleid von Hugo Boss tragen. Die klobigen Schuhe mit den roten Samteinsätzen behält sie. Absicht oder Zufall, ist eigentlich auch egal.

Nur Miriam Karlkvist, Shootingstar aus Italien, ist schon ganz auf große Diva eingestellt. Zumindest äußerlich. Sie ist vom Casting-Termin als eine der Ersten verschwunden und taucht jetzt für den Photocall der Presse in bodenlangem buntem Druck, Jacke mit Lederoptik und schillernder Clutch auf. Karlkvist hat im vergangenen Jahr ihren ersten Film gedreht, „Il sud è niente“ (Der Süden ist nichts), und war gleich so hingerissen, dass sie jetzt in Rom angefangen hat Schauspiel zu studieren, auch wenn das bei den meisten Karrieren ja andersrum läuft. Schüchtern ist sie übrigens trotz großer Robe. Befragt, wie die Schauspielschule ihr eigenes Spiel verändert hat, antwortet sie in Englisch mit einem Akzent, den nur Italiener so wunderbar hinkriegen. Leider versteht man nicht, was sie sagt.

„Il sud è niente“ läuft im Programm der Generation 14 plus, er behandelt ein typisch italienisches Sujet: Familiengeheimnisse in maroden Kleinstädten. Karlkvist spielt die 17-jährige Grazia, die nicht akzeptieren will, dass ihr Bruder für tot erklärt wird. Ihr ist eine sehr tiefgründige Darstellung geglückt, man darf gespannt sein, was die Schule ihr noch beibringen kann.

Die European Shootings Stars sind im wahrsten Sinne Europäer. Karlkvist hat eine schwedische Mutter, Dragus hat Familie in Rumänien. Danic Curcic aus Dänemark, die in ihren Setfotos sehr auf Penelope Cruz gestylt ist, aber auch ganz anders aussehen kann, hat serbischen Hintergrund, Marwan Kenzari kommt aus den Niederlanden und hat tunesische Wurzeln. Einige haben auch schon zusammen gespielt.

Die meisten mit Jakob Oftebro. Das Gedrängele um den Norweger ist groß. Er spielt mit in der schwarzen Komödie „Kraftidioten“, die im Wettbewerb der Berlinale läuft, da allerdings nur eine kleine Rolle. Doch Jakob Oftebor hat schon einiges gedreht und noch viel vor. Er wird mit Brad Pitt verglichen, er kann aber auch aussehen wie Matt Damon. Besonders beliebt scheint er in Historiendramen zu sein. Warum tragen eigentlich vier der fünf männlichen Shooting Stars Bart? Muss das so sein? „Absolut“, sagt Oftebro. Aber dann räumt er grinsend ein: „Ich lasse den Bart für eine Rolle wachsen.“

Wer ist denn der Süße da vorne?

Am Mittwoch wird Oftebro nach Ghana aufbrechen für seinen neuesten Film, darin geht es um die skandinavische Verwicklungen im Sklavenhandel. Vorher will er sich aber noch auf jeden Fall Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ in einer Wiederholung sehen. Ein Reporter der „Daily Mail“ kämpft sich zu ihm durch. „Wir haben doch in L.A. vergangenes Jahr die Bar zugemacht? Erinnern Sie sich?“ – „Ah, klar, wie geht es?“ Gut vernetzt ist Oftebro also auch noch. Den sehen wir bald häufiger.

Dann geht es zum Foto-Termin. Die Reporter wuseln durcheinander. „Wer ist denn der Süße da vorne?“ – „Das ist Mateusz Kosciukiewicz aus Polen, der aus ‚Walesa‘.“ Zehn Shooting Stars reihen sich auf und lächeln meist noch etwas ziellos in die Kameras. Die meisten hier sind keine 20, sie probieren sich noch aus. Es macht Spaß, ihnen dabei zu zusehen.