Erwartung

Huch, ein Eklat

Viel nacktes Fleisch, aber wenig Tiefgang: „Nymphomaniac: Volume 1“, der vermeintliche Sexaufreger von Lars von Trier

Hurra, ein Aufreger! Ein Eklat oder Skandälchen macht sich immer gut auf einem Festival. Ein Film, der polarisiert, der spaltet, über den alle sprechen. Und der auch die übergroße Konkurrenz Olympia kurzzeitig ausschaltet. Keiner wäre dafür geeigneter als Lars von Trier, der mit seinen Hitler-Äußerungen in Cannes 2011 zur Persona non grata ernannt wurde. Der jetzt mit einem Sexfilm daherkommt, für dessen Plakate 14 Stars sich ausgezogen und einen Orgasmus vorgetäuscht haben. Und dann kommt das fünfeinhalbstündige Werk nur in indizierter Fassung, mit 90 Minuten weniger, ins Kino. Zensur! Bevormundung! Auf der Berlinale aber läuft der erste Teil in der originalen, um 30 Minuten längeren Version. Wahrlich, das sollte für einen Aufreger reichen.

Doch gemach. Der Regisseur kam zwar gestern im „Persona non grata!“-T-Shirt, hat aber schon vorab betont, er werde auf dieser Berlinale nicht ein Wort sagen. Eine weitere verbale Entgleisung wird es also nicht geben. Im Vorspann von „Nymphomaniac“ steht zwar wirklich, dies Werk sei „abrigded and censored“, verkürzt und zensiert. Aber das ist ein Scherz des Dänen: Die Kinofassung ist vom Meister durchaus abgesegnet. Und was die Stars betrifft: Bei weitem nicht alle lassen im Film die Hüllen fallen. Und die, die es doch tun, tun es auch irgendwie nicht ganz.

Produzentin Louise Veth hat verraten, dass von Trier mit digitalen Effekten gespielt habe und die oberen Hälften der Körper zwar den Stars gehöre, die unteren aber retuschiert und von professionellen Doubles, von Porno-Darstellern ersetzt wurden. Das mindert den voyeuristischen Reiz ungemein. Gut, dass der Film nicht im Wettbewerb, sondern nur außer Konkurrenz läuft. Sonst würde er die Bären-Jury wohl vor ein Dilemma stellen: Dürfte man für diesen Film überhaupt einen Darstellerpreis verleihen, wenn man gar nicht weiß, wie viel von ihm oder ihr man wirklich sieht?

Übersteigerte Erwartungshaltung

Immerhin: Die Werbekampagne darf als gelungen bezeichnet werden. Jeder wartet auf „Nymphomaniac“. Kann aber gut sein, dass die übersteigerten Erwartungshaltungen fatal enttäuscht werden. Was sehen wir denn nun eigentlich in diesem Aufreger? Erst liegt da eine blutige Frau namens Joe (Charlotte Gainsbourg) in einem verschneiten Hinterhof, ein Passant namens Seligman (Stellan Skarsgard) findet sie und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Er will wissen, was mit ihr geschehen sei. Das, meint sie, sei eine lange Geschichte. Aber der Film ist ja ein Zweiteiler, Seligman hat also genug Zeit. Und so erzählt sie diesem Herrn ihre Lust- und Lastergeschichte.

Schon als junges Mädchen hat sie sich geschworen, der Liebe abzuschwören. Und lieber mit den Männern zu spielen. Schon als Teenie spielt sie ein seltsames Spiel mit ihrer besten Freundin, wer in kurzer Zeit die meisten Männer aufreißt. Auch später wird sie jede Nacht gleich mehrere Männer haben. Und die größte Kunst besteht darin, das zeitlich zu managen, ohne dass die Herren es mitbekommen. Die Kandidaten, über die es sich überhaupt zu reden lohnt, werden der Einfachheit halber F, H, K oder L genannt.

Seligman ist Beichtvater und Therapeut zugleich, wenn er die offenherzigen Geständnisse dieser Sexsüchtigen immer wieder intellektuell überhöht, indem er Joes Beutefang-Verhalten mit der Kunst des Angelns und die Polygamie mit der Polyphonie in Bachs Cantus Firmus vergleicht. Das ist ironisch und gelehrt-verbrämt zugleich. Ganz klar blitzt hinter dieser Figur der Meister, von Trier, selbst mit seinem Schalk durch. Immer wieder wird der Film ironisch durchbrochen durch raffinierte Verfremdungen, Graphiken von tierischem Paarverhalten oder einer Penis-Gallerie.

Vor 50 Jahren sorgte noch eine einzige Sexszene in Bergmans „Das Schweigen“ für eine gesellschaftsmoralische Erschütterung, lange sprach man deshalb gern von „schwedischen Filmen“, wenn man Pornos meinte. Aber lockt man heute, in unseren übersexualisierten Zeiten, selbst mit noch so expliziten Szenen die Kirche oder andere Moralwächter noch aus dem Häuschen, selbst wenn man diesen Film zu Weihnachten startet, wie in Dänemark und Spanien geschehen?

Eigentlich geht es von Trier ja um etwas ganz anderes. Wie fast alle seine Filme ist auch dieser die kompromisslose Passionsgeschichte einer verirrten Frau. Zugleich schließt er damit, nach „Antichrist“ und „Melancholia“, seine „Trilogie der Depression“ ab, und Charlotte Gainsbourg, Triers Allzweck-Mater-Dolorosa, versucht hier mit ihrer Sexsucht ihre innere Leere zu kompensieren. Nur geraten diesmal die verstörenden Momente einer seelischen Verlierung durch die vordergründigen Sexszenen ziemlich ins Hintertreffen. Auch von Trier treibt eine permanente Lust an, die der Provokation nämlich.

Nur verkommt die hier zuweilen zum Selbstzweck. Man erwischt sich dabei, wie man weniger den intellektuell Exkursen folgt und mehr darüber sinniert, ob nicht nur das übermächtige Gemächt, sondern vielleicht schon der Sixpackbauch von Shia LaBeouf digital gefaket ist. Der Neigungswinkel des männlichen Glieds, der bürokratisch exakt die Kunst vom Porno trennt, wird hier des öfteren überstiegen. Erotisch sind diese Sexszenen dennoch nie.

Lars von Trier gesellt sich mit seinem „Nymphomaniac“ wie Francois Ozon jüngst mit „Jung & schön“ und Abdellatif Kechiche mit dem Cannes-Sieger „Blau ist eine warme Farbe“ in ein neues Sexautorenkino. Eine große Entdeckung ist dabei Stacy Martin, die Charlotte Gainsbourg in jung verkörpert. Und Uma Thurman, die die grandioseste Szene hat, wenn sie als verlassene Gattin mitsamt Kindern bei ihrem Mann und dessen Geliebter Joe auftaucht. Aber auch wenn viele Szenen wahre Kabinettstückchen und teils sogar von hinreißender Komik sind, ein großer Wurf wie „Melancholia“ wird nicht daraus.

Ein sehr langes Vorspiel

Am Ende wird der Berlinale-Gast sogar ziemlich enttäuscht sein. Weil Teil Eins mit der jungen Joe und einer Krise endet: dass sie rein gar nichts mehr spürt. Im Abspann sehen wir, was noch kommen wird. Erst im zweiten Teil treten weitere Stars wie Willem Dafoe, Jamie Bell und Jean-Marc Barr auf. Erst dann tritt auch Charlotte Gainsbourg selbst in körperlich-sexuelle Aktivität. Vor allem aber wird dann auch der Tonfall ein härterer, wird das Ganze in Sadomasochismus und Gewalt münden. Aber darauf wird man bis 3. April warten müssen, wenn „Volume 2“ ins Kino kommt. Oder gar bis Cannes, wo vielleicht auch dieser Teil unzensiert laufen könnte? „Nymphomaniac: Volume 1“ bleibt auch in der langen, expliziten Fassung nur – ein Vorspiel.

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