Außer Atem

Und der Preis für die beste Fälschung geht an...

Elmar Krekeler über falschen Sex und echte Mimen

Bevor ich jetzt gleich die ersten Preise der Berlinale vergebe, muss ich kurz die Geschichte erzählen, wie ich mal beinahe Ronald Zehrfeld überfahren hätte. Das heißt nicht ich natürlich, sondern mein Taxi.

Es war Sommer. Wir hatten vor Haus Stapel, einem Wasserschloss im münsterländischen Havixbeck gesessen, Dominik Graf und ich. Hatten uns über Krimis im Fernsehen und sein „Unsichtbares Mädchen“ unterhalten, den vielleicht besten Kriminalfilm der vergangenen Jahre. Graf drehte gerade „Die geliebten Schwestern". Das Taxi fuhr los nach Münster, setzte zurück. Da stand Zehrfeld hinter der Stoßstange, im „Unsichtbaren Mädchen“ der zwielichtige Kommissar, grinste sein Zehrfeldgrinsen und steckte in den Kostümen des Wilhelm von Wolzogen.

Es gibt ihn aber, das sollte die lange Vorrede jetzt bedeuten, wirklich, den Zehrfeld. Eine Tatsache, die mich angesichts der dauernd gebogenen Realität in den Filmen, jedenfalls auch immer sehr beruhigt, wenn ich morgens um neun schon Christoph Waltz ins Kino kommen sehe mit seinem lustigen rosa Schal, den bei der Witterung eigentlich keiner braucht, oder die unbedingt anbetungswürdige Trine Dyrholm, über deren Pullover-Geschmack man vielleicht noch mal reden müsste.

Nun hatten wir an dieser Stelle ja das Thema der gefälschten Realität schon. Es wird uns nicht loslassen, wie der Sex uns wohl nicht loslassen wird in dieser Berlinale. Und weil ich keine Lust habe, wieder in den Görlitzer Park zu fahren, um Realität zu tanken, erfinde ich einen Preis und vergeb ihn gleich selbst.

Ich orientiere mich dabei am Plagiarius. Das ist eine Schmähauszeichnung gegen Produktpiraterie. In diesem Jahr ging der Preis, den keiner haben will, an ein chinesisches Gerät zur Cellulite-Behandlung, das eine Art 3-D-Kopie eines deutschen Geräts sein soll.

Weil wir gerade so schön bei der Haut sind, geht der erste Goldene Bären-Plague in der Kategorie „Künstliches Körperteil“ an die Kunstvulva, die Charlotte Gainsbourg in „Nymphomaniac“ tragen darf. „Nymphomaniac“ ist übrigens ein echter Plague-Abräumer, hab ich beschlossen. Er siegt auch in den Kategorien „Künstlicher Sexualakt“ und „Pornofilm, der keiner ist“. Haus Stapel bekommt den Goldenen Bären-Plague in der Kategorie Kulisse. Es ist nämlich gleich mehrere Schillersche Schlösser in einem.

Man wird allerdings so misstrauisch als Plague-Juror. Man will die Leute, die da in den Pressekonferenzen sitzen, immer zwicken, nachsehen, ob sie echt sind, wenn schon an ihrem Filmen so gar nichts echt ist. George Clooney zum Beispiel, der kann doch nicht so nett sein, das muss eine Fälschung sein.

Gestern, das war mir ja fast schon peinlich, tat mir fast ein bisschen leid, weil er ja ziemlich viel zu ertragen hatte in den letzten Tagen, gestern also dachte ich, ich sehe Philip Seymour Hoffman. Auf dem Marlene-Dietrich-Platz. Und ich wollte schon hin und sagen, wie erleichtert ich bin, wie glücklich. Gab dem Mann einen ganz kleinen Stips, da war’s André Schmitz.

Ich hab mir auf den Schreck erst mal einen gewaltigen Kaffee geholt. Dann bin ich direkt zum Brillenladen.