Jule Bleyer

Pärchen zur Paarungszeit

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Da geht dieses Pärchen neulich auf der Alten Schönhauser entlang. Sie: „Weißt du, was ich gar nicht wusste, bis ich mit dir zusammen gekommen bin?“ Pause. Sie guckt zu ihm hoch. „Ich wusste gar nicht, wie viele Dinge ich nicht weiß.“ Und er – guckt einfach nur wissend. Vor fünf Jahren hätte sich das noch keine Frau getraut, sich auf offener Straße so klein zu machen. Doch jetzt leben wir anscheinend in Zeiten des abnehmenden Feminismus. Und so tauchen plötzlich wieder Männer auf, die zwar nicht wissen, wie ihnen geschieht, die aber zumindest so tun, als wüssten sie Bescheid. Es kann zwar sein, dass sie mit ihrer Aussage vorrangig Dinge gemeint hatten, die sie über IHN nicht weiß, doch selbst das wäre eine Trendwende. Neigte der Mann doch zuletzt eher dazu, seine Gedanken kund zu tun, zu erzählen, dass er schlecht geschlafen habe, sich heute nicht fühle, sich Gedanken machen müsse, kurz: sich verwundbar zu zeigen.

Neueste Indizien deuten darauf hin, dass das Einzige, was der Mann in Zukunft bereitwillig aus seinem Innenleben offenbart, der Bericht über seinen letzten Stuhlgang sein wird.

Der Mann in der allerneuesten Gegenwart erklärt sich nicht mehr. So fängt ein Freund, der morgens deutlich machen will, dass er gerade doch lieber nicht neben dieser Frau aufgewacht wäre, an, das Badezimmer zu putzen. Die Vorstellung ist eigentlich zum Totlachen, gab es doch vor Kurzem noch scharenweise Frauen, die sich gewünscht haben, dass ihr Mann mehr im Haushalt tut. Jetzt werden sie per Putz-Übersprungshandlung aus der Wohnung gejagt.

Oder die Episode einer Freundin, die sich mit einer auf der Weserstraße aufgerissenen Bekanntschaft nachts ein Hotelzimmer gesucht hat (warum sie weder zu ihr noch zu ihm konnten, möchte keiner von beiden in der Zeitung lesen) – das sie bezahlen musste, weil er weder Bargeld noch Kreditkarte dabei hatte. Romantischerweise hat er aber angeboten, ihr später die Hälfte zu überweisen.

Sieht so aus, als wäre die Geschlechterrollenevolution noch in vollem Gange. Das Gespräch des eingangs erwähnten Pärchens endete übrigens mit einer Frage seinerseits: „Warte mal, weißt du eigentlich, wo wir hin müssen?“