Zwischenmenschlich

Minus 13 Grad und noch heißer

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Da steht sie an der Ampel, atmet kleine weiße Wölkchen aus, und wartet. Es sind an diesem Morgen minus 13 Grad, weshalb sie eine Pudelmütze trägt, einen Daunenmantel, dicke Handschuhe – und offene Pumps. So war sie gerade beim Discounter. Jetzt stöckelt sie durch Gesundbrunnen, vorbei an den ganzen Weicheiern in ihren klobigen Schneeschuhen. Der Heimweg ist ihr Laufsteg, die Lidl-Tüte ihre It-Bag, die Kälte ihre persönliche Challenge. Heidi Klum hätte ganz sicher ein Foto für sie gehabt. So etwas kann nur eine Berlinerin. Dafür braucht sie noch nicht einmal eine Fashion Week. Überhaupt gehen die Berliner einfach anders mit dem Winter um. Vielleicht, weil sie über Generationen lernen mussten, anders als in anderen Städten ohne funktionierenden Winterdienst auszukommen. In jedem guten Haushalt scheint es mindestens einen Schlitten und ein Paar Langlaufski zu geben. Und das, wo die höchste Erhöhung in dieser Stadt aus einem Haufen Trümmerschutt besteht und den Namen Teufelsberg trägt. Und das schönste Wintersportparadies nördlich der Alpen liegt auf einem Feld in Tempelhof.

Aber der Berliner wäre nicht er selbst, würde er sich nicht auch jetzt grandios überschätzen und seelenruhig über noch viel zu dünne Eisschichten auf den Seen flanieren, gern auch in Prenzlauer-Berg-Style mit Kinderwagen. Nur, weil die Stadt gerade aussieht wie in Watte gepackt, heißt das nicht, dass einem hier nichts passieren kann.

Normalerweise ist Berlin im Winter ja auch nicht leuchtend weiß, sondern grau, matschig und kalt. Aber das passt einfach zur Stadt. Berlin im Sommer ist auch ganz toll, aber im Sommer ist es überall toll. Fast alle bleibenden Erinnerungen, die ich mit Berlin verbinde, spielen in der kalten Jahreszeit. So war es ein sehr früher, unwirtlicher Sonntagmorgen im November, an dem ich, gerade fünf Monate in Berlin, über die Warschauer Brücke nach Hause getapert bin und Richtung im Nebel verhangenen Alex geguckt habe, als mich plötzlich ein wunderbares Gefühl von Zuhause sein durchströmt hat. Vorhin ist übrigens ein Typ in kurzen Hosen an mir vorbei gejoggt. Aber es sind ja mittlerweile auch nur noch minus drei Grad.