Besetzungswechsel

Schluss nach Vorschrift

Nach Raacke und Aljinovic müssen Thomalla & Wuttke den „Tatort“ verlassen. Die Sender setzen auf jungen Nachwuchs

Es kam völlig überraschend für sie. Simone Thomalla und Martin Wuttke, das Ermittler-Team des Leipziger „Tatorts“, erfuhren von MDR-Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi, dass ihr Sender sie in Rente schickt und der Krimi aus Sachsen „grundlegend neu gestaltet werden“ soll. Eine weitere Folge ist schon gedreht, zwei weitere werden noch produziert. Dann fällt für sie die letzte Klappe. Das neue Team wird ab 2016 zu sehen sein.

MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt lobte ausdrücklich die bisherigen Darsteller, sagte jedoch, die älteste deutsche Krimireihe lebe „einerseits von der Konstanz und andererseits von der Originalität, sich immer wieder neu zu erfinden“.

Simone Thomalla trägt es mit Fassung: „Ich habe immer schon gesagt: Es gibt ein erfolgreiches Leben vor dem ‚Tatort’. Und das gibt es auch danach.“ Jeder sei jederzeit ersetzbar, wer das begreife, könne nicht tief fallen.

18 Fälle haben die beiden seit 2000 gelöst. Sie fuhren keine Spitzenwerte ein wie Maria Furtwängler im Hannover-Tatort oder die unerreichbaren Münsteraner Quoten-Könige Jan Josef Liefers und Axel Prahl. Doch sie lagen immer im gesunden Quoten-Mittelbereich. Zuletzt standen die Leipziger Fälle öfter in der Kritik, die Stadt schien nicht glücklich über „ihre“ Folgen. Aber das, betont Thomalla, könne man nicht Wuttke und ihr zur Last legen: „Wir haben als Schauspieler meist keine Möglichkeit, aktiv in die Entwicklung der Handlung einzugreifen.“ Das läge nicht in ihrer Hand. Wie der neue MDR-Krimi aussehen soll, in welcher Stadt ermittelt wird und wer statt der Beiden ermittelt, all dies steht noch nicht fest.

Was ist nur los beim „Tatort“? 2013 war das Jahr der vielen Neuzugänge. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass zahlreiche Kommissare ausgemustert werden mussten. Die einen Darsteller schmeißen hin, ohne einen Grund zu nennen, die anderen erfahren von ihrem Sender, dass dieser sie abschreiben will. Den Anfang machte Maximilian Brückner, der aus dem saarländischen „Tatort“ geschubst wurde und an dessen Stelle nun der Berliner Devid Striesow Dienst leistet. Mehmet Kurtulus verlängerte seinen Vertrag für den NDR nicht mehr. Sein Undercover-Agent in Hamburg gehörte zwar zum Ungewöhnlichsten, was die Reihe je hervorgebracht hat, doch das Publikum zog nicht mit. Der NDR bot jedoch gleich zwei Trümpfe an, die diesen Weggang vergessen machten. Erstmals ermitteln gleich zwei Kommissare in derselben Stadt: Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring. Beide hatten ihren Einstand im Frühjahr 2013, mit nur wenigen Wochen Abstand.

Dann der Fall Nina Kunzendorf. Ihre Ermittlungen in Frankfurt mit Joachim Król waren Quotenhits. Doch dann gab sie im April völlig überraschend ihre Dienstmarke ab – ohne Angabe von Gründen. Man machte sich auf die Suche nach einer neuen Partnerin für Król. Doch kaum war diese mit Margarita Broich gefunden, da schmiss auch Król im Mai hin.

Und schließlich die Berliner. Dominic Raacke und Boris Aljinovic wurden im September von ihrem Sender informiert, dass sie nach neuen Gesichtern suchen würden. Die Entscheidung sei einvernehmlich gefallen, hieß es von allen Seiten. So einvernehmlich wohl doch nicht. Dominic Raacke interpretierte sein Serien-Aus ab sofort. Für eine letzte Abschiedsfolge, so ließ er den „RBB“ über ein Interview mit der Berliner Morgenpost wissen, stehe er nicht zur Verfügung. In Berlin steht dasselbe Fragezeichen wie bei den Leipzigern: Wer wird hier als Nächster ermitteln? Die Erfahrung aber lehrt: Bei jeder Ausmusterung stehen zahlreiche Kollegen schon in der Warteschlange. Der „Tatort“ ist nach der „Tagesschau“ das beliebteste Format des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens. Mehr Popularität geht nicht.

Die ARD scheint vom Jugendwahn ergriffen. Der Kieler Kommissar Borowski bekam Verstärkung durch Sibel Kekilli, im neuen Dortmunder Team war Aylin Tezel für kurze Zeit die jüngste aller „Tatort“-Kommissare. Ein Rekord, den kurz darauf Alina Levshin in ihrem Erfurter Team schon wieder brach. Das Erfurt-Trio kommt auf ein Durchschnittsalter von 30,6 Jahre, mit dem man gerade so schon Kommissar werden kann. Doch die Wahrscheinlichkeitsrechnung steht hinten an. Der ARD geht es darum, mit ihrer populärsten Serie den Privaten den Kampf anzusagen. Und die Jüngeren, das sogenannte werberelevante Zielpublikum, zurückzugewinnen. In dieser Hinsicht ist auch das Weimarer Duo Nora Tschirner und Christian Ulmen ein echter Trumpf, auch wenn sie das alte Format eher ironisch aufweichen. Raacke und Aljinovic sowie Thomalla und Wuttke sind dagegen Opfer dieser Umorientierung. Jede Wette, dass ihre Nachfolger deutlich jünger sind.