Stilfrage

Feiern statt fasten

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Wasser mit Zitronensaft und Cayennepfeffer, gedünstetes Hühnchen mit Brokkoli, eine trockene Reiswaffel – und das den lieben langen Tag. Allerorten herrscht der Detox-Entgiftungs-Entschlackungs-Wahnsinn. Gwyneth Paltrow und Heidi Klum machen es vor, und alle anderen Gesundheitslemminge machen es nach. Dabei bringt der ganze Schlackewahnsinn gar nichts, der Körper ist schließlich kein Bergwerk. Egal, es wird verzichtet, was das Zeug hält. Mein besonderer Liebling: die Paleo-Diät. Da ernährt man sich wie ein Steinzeitmensch. Ich sehe sie direkt vor mir: All die Frauen, die mit ihren dünnen Ärmchen versuchen, Nüsse mit einem Stein im Mörser zu einem leckeren Brei zu matschen. Amazonen in der Stadt auf der Suche nach ein paar Hühnereiern oder einem vergessenen Bienenstock mit süßer Wabe im Stadtpark. Schließlich wurde auch dem Steinzeitmenschen nichts geschenkt. Vermutlich war er deshalb so dünn und gesund, weil er nicht den ganzen Tag auf seinem Hintern saß, sondern völlig gestresst auf der Suche nach Nahrung war. Was ich damit sagen will: Ernährung ist derzeit das neue Schwarz. Wollen Sie gerade mitreden, legen Sie sich eine möglichst abgefahrene Ernährung oder eine crazy Unverträglichkeit zu. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit so einer billigen Laktose-Intoleranz. Wer heutzutage nicht eine Fruchtzucker- oder Gluten-Unverträglichkeit hat, darf übrigens in Berlin nicht nach Prenzlauer Berg ziehen. (Mutprobe: Gehen Sie in eine Bio-Bäckerei und verlangen Sie ein Brot mit EXTRA viel Gluten. Viel Glück. Ich hoffe, Sie werden nicht für einen Mutanten gehalten und mit Sirenen-Geschrei von Paleo-Diät-gestählten Frauen niedergerungen.) Selbstverständlich kann auch ich mich der Diktatur der Geschmacklosigkeit entziehen. Ich halte mich deshalb im Januar strikt an die Ernährungsregeln der berühmten britischen Gesundheitspäpstin Kate Moss . Die gehen so: zu viel trinken, zu viel rauchen, zu viel feiern, zu lange aufbleiben, Freunde suchen, die ähnliche Vorlieben haben, einen (zukünftigen) Rockstar zum Freund haben, nicht über seine Ernährung reden, sich nicht die Laune verderben lassen. Und deshalb auch mit 40 Jahren immer noch rattenscharf aussehen.