Stilfrage

Scheitern als Chance

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Es gibt Tage, da scheitere ich schon in der Frühe am Kleiderschrank. Ich öffne ihn und sehe nur Einzelteile, die nicht zusammenpassen wollen. Ich starre gefühlte Stunden auf meine Sachen. Es findet sich nichts, in dem ich auch nur annähernd auf die Straße treten könnte. Als ob eine böse Fee über Nacht allen meinen Kleidungstücken die falsche Farbe oder falsche Form gegeben hätte. (Wer weiß schon, ob das nicht stimmt. Ich liege schon Jahre auf der Lauer. Irgendwann ist sie fällig.) Besonders mühsam ist es im Winter. Da kommen so viele einzelne Klamottenteile zusammen, das macht es nur noch furchtbarer. Zur schwarzen Hose braucht man die richtigen Socken – hat aber nur die Auswahl aus zu dünn oder zu dick. Was wiederum die richtige Schuhwahl unmöglich macht. Das passende Unterteil für den kratzigen Pullover ist nicht sauber, und der Schal sieht aus wie eine überdimensionierte Wollwurst um den Hals. Kurzum, man fühlt sich wie verdreht, verquer und unpassend, als wenn man im Clownskostüm auf der Weihnachtsfeier auftaucht. Zum Glück war ich in der vergangenen Woche in der Christoph-Schlingensief-Ausstellung. „Scheitern als Chance“, steht dort in großen Lettern auf einem Spruchband. Schlingensief meinte das eher im politischen Sinne, aber ich bin so frech und beziehe es auch mal auf meine Modedesaster. Denn auch dort gilt: Wer nicht scheitert, lernt nichts. Und sei es nur, rechtzeitig aufzustehen. Natürlich gibt es Menschen, die immer hipster-perfekt aussehen. Aber, was sind die? Genau, langweilig. Und trotzdem werden sie gefeiert. Zum Beispiel in diesen Streetwear-Blogs. Ich wünsche mir endlich ein Blog, in dem Leute fotografiert werden, die einen schlimmen Klamottenmorgen hatten und sich trotzdem auf die Straße trauen. Unter den Fotos soll dann so was stehen wie: „Zoe, 27. Wie oft umgezogen? Fünf Mal. Passt heute am wenigsten zum Outfit: Samtschleife im Haar. Schlimmstes Detail: Knopf an Hose geht nicht zu.“ Ich würde dort gern mit meinem grauen Sweatshirt auftauchen. Dort steht in der Nike-Schrift anstelle von „Just do it“ einfach „Just give up“.